Zweck

Das Haus des Denkens, das sein Fundament erträgt

Ich bin auf dem Boden meiner Überzeugungen angelangt.
Und von dieser Grundmauer könnte man beinahe sagen,
sie werde vom ganzen Haus getragen.

Ludwig Wittgenstein

Die Praxis des Denkens wird mit etwas ausgeübt, das das Wort Atelier1ꜜ»Das frz. Substantiv bezeichnet seiner Bildung nach einen Ort, wo viele Späne sind, bedeutet daher ‘Haufen Späne’, dann ‘Arbeitsplatz der … Weiterlesen... beschreibt, genauer: Selbstzweckatelier.

Ateliers haben keinen Namen. Sie sind.

In einem Atelier wird gearbeitet, Kunst gemacht, mit Kunstfertigkeit, manchmal auch auf Maß, manchmal im Übermaß. Und genauso verstehe ich die Kleist’sche »allmähliche Verfertigung der Gedanken in der Rede«: Als eine Form von Denkkunst. Gleichwohl als eine Form von Detektei: Was ist der Fall?

Die „Rede“, das sind hier die Blogbeiträge und andere schriftliche Versuche – gewagt gesagt, gesagt gewagt: Essais, Aphorismen – das also, was sich hier „Ansichten“ und „Denkzettel“ nennt – und wer weiß, was noch für Sichten dazukommen. So ist das Atelier nicht nur Detektei, sondern auch Labor.

Texte von mir als Denkkunst schaffen Wollender sollten daher nicht gelesen werden. Sie sollten angeschaut werden und dann die Inhalte ‚gelesen‘ werden; wie die Trauben von Beeren in einem Weinberg. Und so ist das Atelier auch Galerie der Texte. Wer die Texte systematisch angehen will wie ein Önologe, wird stets nur einen schalen Geschmack feststellen, zu fad ist das Systematische des hier ausgeschenkten Weins für solche Geister. Wer sich an sie wie ein Sommelier wagt, könnte womöglich überrascht werden von der Bilder- und Metaphernfülle, die sich da zuweilen aufzutun übt und damit dem Gehalt Geschmack, sapere2ꜜlat. sapere: schmecken, verstehen, verständig sein., gibt.

Bis hierhin ist alles reiner Selbstzweck, ein Tun des Tuns willens und dass es getan ist, zu welchem Behuf auch immer. Das Angebot zur Beratung besteht, wie auch die Honorierung derselben – denn wenn ein Selbstzweck als Mittel genutzt wird, macht dies den Zweck der Übung zur Leistung, die zu würdigen ist. Und Beratungen in einem Atelier sind dann eben von mir begleitete, angeregte, vermittelte Verfertigungen von Gedanken in der Rede. Dann freilich nicht nur der meinigen, sondern eben insbesondere der der Anderen. Die Anderen, das sind die ‚Fremden‘. Zum einen jene großen oder nicht so großen Denker, die ich lese, als auch jene Kund(ig)en, die sich mit mir beraten wollen.

Denn in dieser Verfertigung, der laufenden Ermittlung, habe ich eine Kompetenz zu bieten. Diese ist zum Teil in den Schoß gefallen, der andere Teil ist ein Erwerb aus der beständigen Übung dieser Begabung. Diese geschieht im Anfängergeist, dabei nicht nur Hesse’schen Stufen3ꜜHermann Hesse: »Stufen«; Gedicht, beginnend mit »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«. folgend, sondern auch das Auge auf Zen geworfen. Und befinde mich so in ständiger Übung — auch der der Gewissheit, nie Meister werden zu können. Sondern stets nur Meister werden zu wollen. Manchmal gar: sein zu wollen. Die allmähliche Verfertigung der Gedanken in der Rede impliziert meiner Ansicht nach diese, dem Wesen der Welt innewohnende, Unvollkommenheit.

Und ein weiterer Aspekt dieses Ateliers sei nicht hinter’m Berg gehalten: Es geht auch um Religion. Jedoch überhaupt gar nicht in irgendeiner Weise konfessioneller Frömmelei oder Kirchentreue oder sonstiger institutioneller Loyalität oder gar um Seligkeit. Sondern im Sinne des lat. relegere: wieder lesen, überdenken. An das, was diese Aufforderung voraussetzt, sollte sich angebunden werden (lat. religare: anbinden): Offenheit, immerwährende, eben: Anfängergeist. Und nicht an eine durch Menschen vermittelte Offenbarung von irgendwas, mit der so vieles zur abgeschlossenen Sache gemacht wird. So lässt sich (vor)urteilsfrei ermitteln, was der Fall ist. Freilich in den Grenzen menschlicher Unzulänglichkeiten, die bei einem/r Jede/r ihre eigen Maß und Mitte haben – und die veränderbar sind, nie aber zum Verschwinden zu bringen sind. Erst wenn ein Fall aufgeklärt ist, kann die nächste Instanz ein Urteil fällen. Der Grad der Aufklärung eines Falls schlägt sich in der Qualität des Urteils nieder.

Es geht um die Arbeit am eigenen ‚Weltbild‘, um die Verfeinerung der eigenen Institutionalität, was hier meint: aus sich selbst Sicherheit im Umgang mit seiner Welt gewinnen können; d. i. der Ertrag des Denkens.

Und die Kunst des Lebens besteht für mich nicht darin, Vollkommenheit, Vollständigkeit oder einen Abschluss, Erfolg, zu erreichen. Die Kunst des Lebens besteht für mich darin, mit der Unvollkommenheit, Unvollständigkeit, Unwissenheit, dem sich-erst-ergeben-Werden, das eigene Leben gut führen zu können. Ein Leben in Offenheit führen zu können.

Es ist also die Kunst des nicht-wissen-Könnens, ganz in einem sokratischen Sinne und solcher Manier. Also die Übung in der Kunst, eine Meinung zu prüfen, ob – überhaupt und wenn, inwiefern – sie als Wissen taugt — oder gar eine Gewissheit ist. Und auch die Übung in der Kunst, nicht wissen zu können, wohin eine allmähliche Verfertigung der Gedanken in der Rede führt.

References
1 »Das frz. Substantiv bezeichnet seiner Bildung nach einen Ort, wo viele Späne sind, bedeutet daher ‘Haufen Späne’, dann ‘Arbeitsplatz der Zimmerleute und Maurer’, schließlich allgemein ‘Werkstatt’.« dwds.de [29.5.2020, 16:00].
2 lat. sapere: schmecken, verstehen, verständig sein.
3 Hermann Hesse: »Stufen«; Gedicht, beginnend mit »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«.