Denkzettel 280

Der Mensch ver­packt die Welt in For­meln, um sie sich zu er­klä­ren — und ver­gisst zu­wei­len, dass In­hal­te Wir­kun­gen zei­ti­gen, die Welt ver­än­dern, nicht For­meln. Und die­se In­hal­te wol­len ver­stan­den sein! Um’s For­ma­le küm­mert sich die Wis­sen­schaft, um’s In­halt­li­che soll­te es der Weis­heit sein. (Fak­tisch ist’s dann wohl doch das Politische.)

Das bes­se­re Ar­gu­ment ist al­so nicht je­nes, wel­ches am bes­ten zu ei­ner For­mel passt, nach ei­ner For­mel ge­schmie­det ist — es ist je­nes mit dem an­spre­chends­ten In­halt. Und der ist dann heu­te eben je­nes, mor­gen dieses.

Wer In­hal­te sieht und wür­digt, ver­ge­gen­wär­tigt, lebt in der Ge­gen­wart. Wer die For­meln hei­ligt, ist zeit­los. Wer kei­ne Zeit hat, ist oh­ne Wirkung.

Und wer die Welt er­klä­ren zu kön­nen meint, voll­stän­dig gar, muss sie des­halb noch lan­ge nicht ver­stan­den haben.
(Und wer meint, sie ver­stan­den zu ha­ben, zur Gän­ze gar, noch lan­ge nicht er­klä­ren können.)

Denkzettel 267

Mich in­ter­es­sie­ren Mei­nun­gen mehr als Ar­gu­men­te. Ar­gu­men­te kön­nen nach Be­darf ge­baut wer­den, die Mei­nung sagt et­was über den Men­schen. Und der in­ter­es­siert mich. Als sol­cher. Weil ich Mensch bin.
(Ich könn­te auch sa­gen: Die Mei­nung gibt dem Ar­gu­ment ei­nen Wert. Oder auch: Ein Gewicht.)
Und wes­halb? Und wozu?
Ich möch­te zu­al­ler­erst Äs­thet sein und zu­al­ler­letzt Rationalist.
(Wis­sen ist ein Werk­zeug, der Um­gang da­mit kann ra­tio­nal ge­lehrt wer­den; Weis­heit ei­ne Ein­stel­lung. Der Um­gang da­mit will äs­the­tisch ge­übt sein.)

Denkzettel 264

Ei­ni­ge von de­nen, die da mei­nen am Phi­lo­so­phie­ren zu sein, zu: Den­ken, funk­tio­nie­ren nur in­ner­halb von Re­geln; Sie rechnen.
(Es kommt eben dar­auf an, was un­ter σοφία (so­phía), Weis­heit, ver­stan­den wer­den will, de­ren φίλος (phí­los), Freund, zu sein sich an­ge­schickt wird: ge­si­cher­tes Wis­sen oder die Kom­pe­tenz, auch oh­ne die­ses ver­nünf­tig sein zu können.)

Denkzettel 243

Weis­heit ist nichts, das man se­hen, (an)erkennen, kann wie Wissen.

Sie zeigt sich, kann ge­schaut werden.

(Des­halb hat sie in der Aka­de­mie nichts zum Su­chen; wenn sie et­was ver­lo­ren hat, dann ge­wiss nicht dor­ten. Wenn sie uni­ver­si­tär auf­taucht, dann nur als Wis­sen­schaft über sie, in­des nicht als Fach von ihr. Was schlich­ter­dings auch nicht mög­lich ist: In Weis­heit zu unterrichten.)

Denkzettel 100

Die Welt er­fas­sen und nicht begreifen;
Ein­sich­ten ha­ben statt sich Er­kennt­nis­se verschaffen;
sich mit der Welt ver­nünf­tig be­fas­sen und sie nicht mit dem Ver­stand er­grei­fen wie ei­nen flüch­ti­gen Ver­bre­cher, ding­fest machend;
Le­bens­welt ver­ste­hen statt na­tur­los Kul­tur zu erklären;
Weis­heit üben statt Wis­sen an­häu­fen, wo­für die Wis­sen schaf­fen­den Dis­zi­pli­nen zu­stän­dig sind:
Indie-Philosophie.

Denkzettel 84

Wenn Mensch et­was er­greift, in­tel­lek­tu­ell ge­fasst: be­greift, macht er es dann zu sei­nem Be­sitz oder zu sei­nem Eigentum?
Wie steht es bei ei­nem Af­fen, der ei­ne Frucht ergreift?
Was heißt ei­gent­lich: „Ich ha­be Wis­sen.“? („ha­ben“ i.S.v. Be­sitz, Verfügbarkeit.)
Kann Wis­sen denn über­haupt be­ses­sen wer­den wie ein Kühl­schrank? Denn wenn Eine/r weiß, dass 1+1=2 ist, schränkt das ja nie­mand An­de­ren ein, auch ge­nau die­ses Wis­sen ha­ben zu können.