Denkzettel 190

Wahr­heit ist ein Pro­dukt des mensch­li­chen Ver­stan­des und hat mit Ma­te­ria­li­tät nichts zu tun. Oh­ne den Men­schen gibt es nichts Wah­res, nichts Fal­sches, nichts Rich­ti­ges. Wohl in­des gibt es – zu­min­dest ist die­se An­sicht aus gu­ten Grün­den glaub­wür­dig – auch oh­ne Men­schen ei­ne Wirk­lich­keit des Ma­te­ri­el­len. Was al­ler­dings für den Men­schen auch nur ei­ne un­be­weis­ba­re Idee ist, al­so ei­ne me­ta­phy­si­sche An­nah­me. Und was wür­de es ei­ner Welt oh­ne Men­schen aus­ma­chen, wenn die­se un­wahr wä­re? Nichts — denn ei­ne Welt oh­ne Men­schen ist für den Men­schen sinn­los: so kann für den Men­schen ei­ne Welt nur aus rei­ner Ma­te­ria­li­tät nicht exis­tie­ren. Die Welt der Men­schen ver­schwin­det mit dem Tod des letz­ten Men­schen, wie mit dem Tod ei­nes Men­schen des­sen Welt er­lischt. Was dann noch ist, ob dann noch et­was ist, kön­nen wir ein­fach nicht wis­sen. Wir kön­nen es nur glau­ben. Denn wir kön­nen es we­der fal­si­fi­zie­ren noch ve­ri­fi­zie­ren. Wo­zu auch?

Denkzettel 127

Der Mensch – an, und für, sich – ist ein Di­vi­du­um, das sich selbst ab ei­nem ge­wis­sen Zeit­punkt als Indi­vi­du­um vernimmt.

(Der Mensch be­greift sich mit dem An­de­ren, und so durch die­ses, wel­ches er nicht ist. Könn­te er sich an­ders um‑, er‑, be­grei­fen als auf die­sem Umweg?)

Mit der In­di­vi­dua­ti­on wird die mensch­li­che Di­vi­dua­li­tät be­wusst: Mit dem er­wach­ten Selbst­be­wusst­sein geht not­wen­dig das Be­wusst­sein von dem ein­her, was nicht-Selbst ist. (Mit dem eng­li­schen Ad­jek­tiv für „be­wusst“ kann’s ge­zeigt wer­den: con­scious, „mit­wis­send“.)

Denkzettel 126

Über sich nichts als die Wei­te – tie­fe Wei­te – des Him­mels, in sich nichts als die Tie­fe – wei­te Tie­fe – der Unergründlichkeit.
Ein sol­cher Mensch, der so zu le­ben ver­steht, sich so zu spü­ren wagt und al­so ver­mag, be­darf kei­nes Got­tes, Über­men­schen oder an­der­wei­ti­gen Meis­ters mehr: Er ist Mensch, durch und durch; oh­ne Lob, oh­ne Tadel.

Er ist Mensch. An, und für, sich.

(Oder auch: Der Mensch fin­det sich – so er sich über­haupt sucht oder su­chen muss, so er sich al­so: ver­lo­ren fühlt – schwe­bend zwi­schen sei­ner ob­jek­ti­ven Un­er­reich­bar­keit und sei­ner sub­jek­ti­ven Unergründlichkeit.

Und fin­det sich eben nicht, son­dern fin­det sich so vor — weil er sich nie ver­lo­ren hatte.)