Die Moral der Ethik

Sollte der „Deutsche Ethikrat“ nicht eher ein „Ethischer Rat“ sein?

Nach der On­line-Ta­gung des deut­schen Ethik­ra­tes mit dem Ti­tel »Selbst­ver­mes­sen: Ethik und Äs­the­tik ver­än­der­ter Kör­per­lich­keit.«1⇣Im In­ter­net soll­ten die Bei­trä­ge zu fin­den sein. gab es für je­ne, die die Ver­an­stal­tung ver­folg­ten, zum Ab­schluss noch ei­nen Fra­ge­bo­gen, des­sen letz­te Fra­ge lau­te­te, wel­cher The­men sich der Ethik­rat noch an­neh­men soll­te. Ob die­se An­sicht hier noch ih­ren Adres­sa­ten er­reicht hat, ist frag­lich. Ein tech­ni­sches Pro­blem ließ nicht zwei­fels­frei er­ken­nen, ob das State­ment über­mit­telt wur­de. Ein gu­ter Grund, es hier, et­was er­wei­tert, noch­mals kundzutun.

Im Zu­ge der ak­tu­el­len Pan­de­mie hat der Au­tor die­ser An­sicht den deut­schen Ethik­rat über­haupt erst­mal als ge­sell­schaft­li­ches Mo­ment wahr­ge­nom­men, al­ler­dings je­doch in ei­ner Wei­se, die ihm das Wort und die Be­deu­tung „Kir­che“ ab­zu­rin­gen hat. Die Äu­ße­run­gen „der Po­li­ti­schen“ da­bei im Ohr, die ih­re Ent­schei­dun­gen mit den Emp­feh­lun­gen je­nes Ethik­ra­tes ab­si­cher­ten. Dar­an ist zu­nächst gar nichts aus­zu­set­zen, Ex­per­ti­sen von fach­kun­di­ger Sei­te ein­zu­ho­len. Doch wer­den die­se dann in ei­ner Wei­se ge­braucht, aus der schon die Ver­ant­wor­tungs­last er­kenn­bar wird, soll­te sich die Ent­schei­dung als falsch er­wei­sen, dann ist frei­lich Ob­acht an­ge­sagt. Die Wis­sen­schaft – und zwar als sol­che, un­dif­fe­ren­ziert nach Fä­chern – wird auch mehr und mehr die Rol­le ei­ner obers­ten Kom­pe­tenz und da­mit dann auch Ver­ant­wor­tung zu­ge­schus­tert, könn­te man mei­nen2⇣Im An­ge­sicht des der­zei­ti­gen Ver­hal­tens der Po­li­tik (In­zi­denz über 300: die Wis­sen­schaft re­det sich den Mund fus­se­lig und die Po­li­tik re(a)giert … Wei­ter­le­sen…. Die Fra­ge ist nur, ob das so gut ist. Und frei­lich sei hier an­ge­merkt: Zu die­sem Spiel ge­hö­ren min­des­tens zwei. Und ein Ethik­rat, der sich der Ver­lo­ckung aus­ge­setzt sieht, Macht zu zei­ti­gen, Ein­fluss aus­zu­üben, über­nimmt dann wohl auch gern Ver­ant­wor­tung. Und nein: der Au­tor hält Philosoph_innen und/oder Ethiker_innen nicht für die bes­se­ren König_innen. Pla­ton hin oder her.

So ge­langt der Ver­fas­ser hier zu der An­sicht, der Rat soll­te sich in Selbst­be­gren­zung üben und nicht als Rat­ge­ber in Er­schei­nung tre­ten („Ver­mes­sen­heit!“), son­dern als In­sti­tu­ti­on, mit der sich be­ra­ten wer­den kann, als Kom­pe­tenz­zen­trum in Fra­gen der Mo­ral in viel­fa­cher Hin­sicht, nicht als Ex­cel­lenz­clus­ter in der Tech­ni­sie­rung („Ver­mes­sung“) des Ethi­schen. Ja, frei­lich, auch ein Ethik­rat steht im The­ma der Ta­gung und sucht sich selbst zu op­ti­mie­ren. Doch der Ein­druck kann ge­weckt wer­den, dass die­se Op­ti­mie­rung den Cha­rak­ter der Ver­bes­se­rung ei­ner Ma­schi­ne hat, nicht die ei­ner ad­äqua­te­ren Stim­mig­keit mit ei­nem Welt­gan­zen. Und ja, der Ge­dan­ke sieht das Wort Ethik in ei­nem Sinn mit Ma­the­ma­tik. Das Post­fix „-ik“ als Mar­kie­rung in­ter­pre­tiert, dass das Fach sich durch ir­gend­ei­ne tech­ni­sche Me­tho­de cha­rak­te­ri­siert3⇣Hier so al­so die des Rech­nens.. Nicht ganz ast­rein, doch für das An­lie­gen hier be­den­kens­wert. Und ein Rat in dem Sin­ne, wie er sich hier zei­gen möch­te, gibt kei­ne Rat­schlä­ge, auch wenn sie Emp­feh­lun­gen ge­nannt wer­den4⇣Das soll die Auf­ga­be von Kom­mis­sio­nen sein..

Ein Rat, wie er hier sich als Ide­al zei­gen möch­te, soll­te ei­nen Rah­men schaf­fen, in der für je­man­den, der_die Ver­ant­wor­tung zu tra­gen be­reit ist, ein Feld, ein Raum, ei­ne Sphä­re ge­schaf­fen wird, zu seiner_ihrer Ent­schei­dung, die er_sie zu ver­tre­ten ge­willt ist, zu kom­men — und zwar nun eben, des­halb das Um­feld ei­nes Ra­tes, nicht nur auf der ei­ge­nen Sicht in die Welt und ihr Ge­sche­hen fun­diert. Ein Ethik­rat, der sich bei sei­nen Emp­feh­lun­gen dann auf Wis­sen­schaft be­ruft, macht letzt­lich auch nichts an­de­res als die Kul­tur­tech­nik des „Der/Die/Das hat ge­sagt, dass…, und der/die/das muss es wis­sen!“ an­zu­wen­den. Ein so agie­ren­der Rat macht sich zum po­li­ti­schen Agen­ten, d. h., er ver­folgt ei­nen Zweck — da­bei hät­te er nur Mit­tel zu sein. Schick­sal ei­nes Rates. 

So soll­te sich der „Deut­sche Ethik­rat“ zu ei­nem „Ethi­schen Rat“ wan­deln und ver­stärkt da­zu bei­tra­gen, dass Politiker_innen wie je­ne, die die Ent­schei­dun­gen der Politiker_innen be­tref­fen (das „-ik“ sei hier be­ach­tet!), zu mehr Ei­gen­ver­ant­wor­tung mo­ti­viert wer­den, statt nun eben in ei­nem Ethik­rat ein In­stru­ment zur Ver­ant­wor­tungs­ver­wäs­se­rung und –ver­schie­bung zu se­hen und weid­lich zu nut­zen. Der da­selbst sich dann die Wis­sen­schaft als Rat­ge­be­rin sucht. Wis­sen­schaft al­ler­dings, die mehr und mehr un­ter ei­nem Man­tra des Quan­ti­ta­ti­ven, des Mess­ba­ren, des Re­sul­ta­tes, steht. Wis­sen­schaft, die wie Tech­nik anmutet.

Wird ein Rat näm­lich in sol­cher Wei­se miss­braucht, al­so als vor­aus­ei­len­de Ent­schul­di­gung für den Fall ei­ner Fehl­ent­schei­dung, kann es all­zu leicht pas­sie­ren, dass Ver­ant­wor­tung auf dem Spiel­tisch hin- und her­ge­scho­ben wird — bis ir­gend­wann bei je­nen, die Ori­en­tie­rung su­chen, an­ge­fan­gen wird, nach den „star­ken Kräf­ten“ Aus­schau zu hal­ten. Ein­stel­lun­gen, wie sie im sehr rech­ten po­li­ti­schen Spek­trum an­zu­tref­fen sind, die all­täg­lich wer­den, mö­gen da als In­diz her­hal­ten und ein An­zei­chen für ei­nen be­reits lau­fen­den Pro­zess sein.

Und frei­lich soll­te ein sol­cher Ethi­scher Rat sich im Zu­ge (s)einer Selbst­re­fle­xi­on da­mit be­fas­sen, wie der Mut zur Ei­gen­ver­ant­wor­tung (und das meint ei­nen wirk­lich li­be­ra­len, des­sen Ziel nur das So­zia­le sein kann, und kei­nen neo­li­be­ra­len Sinn, der ei­ne Aso­zia­li­tät im Sin­ne ei­ner Eli­ten­bil­dung, die oh­ne Mob ja kei­ne Eli­te sein kann, zei­tigt) be­reits vom Kin­der­gar­ten und dann le­bens­lang ge­stärkt wer­den kann — oh­ne die­ses Feld den n. A. d. A. letzt­lich ar­chai­schen Mo­ti­ven der Kir­chen, gleich ob bud­dhis­tisch, christ­lich, hin­du­is­tisch, is­la­misch,… zu über­las­sen. Re­li­gi­ons­un­ter­richt (lat. relegere/religare als grund­le­gen­der An­satz, nicht: Glau­be) ist ein gu­ter An­satz da­für: Nur in­des, wenn es die Re­li­giö­si­tät des Men­schen an­spricht, die als sol­che und an sich kei­ner Kir­che be­darf. Kir­chen nut­zen das re­li­giö­se Be­dürf­nis des Men­schen, sei­nen Hun­ger nach Sinn und Ge­währ­leis­tung, für ih­re Zwe­cke und Zie­le. Sie sor­gen nicht für die Fä­hig­keit zur Ei­gen­re­li­giö­si­tät, son­dern ver­su­chen sich dar­in, die­se zu eli­mi­nie­ren. Sinn und Welt­ver­ständ­nis – pa­the­tisch: Welt­ge­bor­gen­heit; nüch­ter­ner: Welt­an­schau­ung – wer­den zu ei­nem Pro­dukt, dass um den Preis ei­ner Kon­fes­si­on ge­kauft wer­den kann — und nicht zu ei­nem Ge­winn, der selbst er­schaf­fen, und nicht er­wirt­schaf­tet, ‚ver­dient‘, wur­de. Krea­ti­ves (Er-)Gebnis ei­ner Kunst, nicht aus­ge­rech­ne­tes Re­sul­tat ei­ner Technik. 

Die­se selbst aus­ge­üb­te Sinn­kom­pe­tenz hät­te wohl den frei­en und des­halb so­zia­len, mit­hin: ethi­schen Men­schen zur Folge.

Re­fe­ren­ces
1Im In­ter­net soll­ten die Bei­trä­ge zu fin­den sein.
2Im An­ge­sicht des der­zei­ti­gen Ver­hal­tens der Po­li­tik (In­zi­denz über 300: die Wis­sen­schaft re­det sich den Mund fus­se­lig und die Po­li­tik re(a)giert nicht…) ist das hier in­des um ein „Wenn’s g’rad’ in den Kram passt“ zu erweitern.
3Hier so al­so die des Rechnens.
4Das soll die Auf­ga­be von Kom­mis­sio­nen sein.

Weltbild, egozentrisches

Eine kurze Meditation zur akademischen Philosophie, Wissen und Ethik, Weisheit und Moral. Mit einem Seitenblick auf aktuelle Verhaltensweisen. 

Phi­lo­so­phie kann viel­leicht auch als Be­schäf­ti­gung mit Welt­an­schau­ung und Mo­ral und dem kri­ti­schen Ver­hält­nis zu die­sen auf­ge­fasst wer­den. Ob das dann auch Phi­lo­so­phie ist, die ja zu­min­dest in der uni­ver­si­tä­ren Aka­de­mie sich der Wis­sen­schaft und Ethik ver­pflich­tet fühlt, nach der Ver­all­ge­mei­ner­bar­keit von al­lem sucht (‚Welt­for­mel‘) und nicht nach ei­nem nach­voll­zieh­ba­ren Sinn, ist aus aka­de­mi­scher Sicht ge­wiss frag­lich. Und so zeigt sich doch ein wo­mög­lich we­sent­li­cher Un­ter­schied zwi­schen Wis­sen und Weisheit.

Sie, die sich ab­ge­hängt füh­len in die­ser leis­tungs­ori­en­tier­ten und auch im­mer kom­ple­xer – viel­leicht so­gar da­zu noch kom­pli­zier­ter – wer­den­den Ge­sell­schaft, gren­zen sich durch ihr Ver­hal­ten und ih­re Ein­stel­lun­gen selbst aus und be­schwe­ren sich dann über Ausgrenzung.

Sie emp­fan­den sich als ty­ran­ni­siert und ty­ran­ni­sie­ren jetzt zu­rück, in­dem sie sich z.B. ei­ner Co­ro­­na-Im­p­­fung ver­wei­gern. Sie de­mons­trie­ren so Macht und ver­hal­ten sich so zu ih­rer Ohn­macht, die­se kom­pen­sie­ren wollend.

Hier zeigt sich die nitz­schea­ni­sche Skla­ven­mo­ral, die von Res­sen­ti­ment und Ra­che ge­trie­ben ist. Auch und ge­ra­de wenn die Skla­ven der Un­mün­dig­keit mei­nen ei­ne Her­ren­mo­ral an den Tag zu legen.

Denk­zet­tel 253

Ge­horcht die Mo­ral Ge­set­zen? War Kant wirk­lich durch ein mo­ra­li­sches Ge­setz in sich mit zu­neh­men­der Be­wun­de­rung und Ehr­furcht im Ge­müt er­füllt? Oder ist Mo­ral, an­ders als die Ethik, nichts, das ver­all­ge­mei­nert wer­den kann, son­dern viel­mehr aus ei­ner Si­tua­ti­on mit vie­len das Ur­teil und ei­ne Hand­lungs­ent­schei­dung be­ein­flus­sen­den Fak­to­ren ad hoc im Sub­jekt ent­steht? So ge­se­hen ist mo­ra­li­sches Han­deln nicht lehr­bar, nur üb­bar. Und Mo­ra­li­tät so ge­se­hen kein Ge­setz in uns, son­dern viel­leicht ein Trieb, den wir spü­ren — über den wir uns al­ler­dings hin­weg­set­zen kön­nen wie über ei­nen Ge­dan­ken. Und Mo­ral ist dann: Äs­the­tik — und kei­ne Ethik. Auch wenn die Ethik für sich be­an­sprucht, die Ver­all­ge­mei­ne­rung der Mo­ra­len er­ken­nen zu kön­nen: Sie kann es nicht. Denn: Schön­heit kennt kei­ne ob­jek­ti­ven Re­geln und liegt im Sin­ne der je Be­trach­ten­den. (Was nicht aus­schließt, dass es et­was gibt, dass al­le Be­trach­ten­den als schön emp­fin­den. Doch es ist mehr als frag­lich, ob sich ei­ne Re­gel für die­ses Emp­fin­den fin­den lässt, ei­ne: Formel.)

Das gu­te Han­deln ist nicht mit der Lo­gik der Er­kennt­nis ver­wirk­lich­bar, ein rich­ti­ges, al­so ge­setz­ten Re­geln be­fol­gen­des, schon. Es geht beim mo­ra­li­schen Tun um sub­jek­ti­ven Sinn, nicht um ob­jek­ti­ve Er­kennt­nis. Frei­lich träu­men die Ethiker_n da­von, die Welt­for­mel des Gu­ten – und da­mit die lo­gi­sche De­fi­ni­ti­on des Bö­sen – zu fin­den. Doch es bleibt wohl da­bei, dass dies De­fi­ni­ti­ons­sa­che ist. Es gibt kei­ne na­tür­li­che Ethik, wie es ei­ne na­tür­li­che Phy­sik gibt: Ver­schwin­det der al­ler­letz­te Mensch, das al­ler­letz­te sich ei­nes mo­ra­li­schen Po­ten­ti­als be­wuss­te We­sen, aus die­sem Uni­ver­sum, die­sem be­stirn­ten Him­mel, gibt es kei­ne Ethik mehr. Phy­sik in­des gleich­wohl, zu­min­dest ist ver­nünf­ti­ger­wei­se da­von aus­zu­ge­hen — Wis­sen kann dies in­des nie­mand, man be­gnügt sich al­so mit ei­ner Ge­wiss­heit — wer woll­te es wem wie be­wei­sen wol­len, ist das letz­te We­sen vergangen?

Ge­set­ze, Re­gel­mä­ßig­kei­ten der ma­te­ri­el­len Welt sind nun mal, bzw. soll­ten nun mal nicht die Grund­la­ge der im­ma­te­ri­el­len Welt sein. Son­dern freie Ent­schei­dun­gen. Und un­ter­lä­gen die­se Re­geln, so sind sie nicht mehr frei. Wer von ei­ner lo­gis­ti­schen Ethik träumt, alb­träumt vom gänz­lich de­ter­mi­nier­ten Men­schen, der da­mit letzt­lich durch und durch kon­trol­lier­bar ist. Über­las­sen wir doch die­se Un­frei­heit, die­se Skla­vi­tät, den Ma­schi­nen, die wir bau­en. Sie un­ter­lie­gen un­se­rer Re­gu­la­ti­ons­wut. Die Na­tur nicht. Auch wenn wir da­von träu­men und die­ser Traum viel­leicht so­gar ei­nes Ta­ges wahr wird. Die Fra­ge ist dann wohl: Kann ei­ne sol­che vom Men­schen durch­ge­re­gel­te Na­tur dem Men­schen noch ein ad­äqua­tes Ha­bi­tat sein?

Ethik, so kann ge­sagt wer­den, ist ei­ne Sa­che des Ver­stan­des — Mo­ral in­des ei­ne An­ge­le­gen­heit der Ver­nunft. Ihr liegt am gu­ten Le­ben, dem Ver­stand am richtigen.

Kein Mensch han­delt auf Ba­sis ei­nes schlech­ten Grun­des. Das ha­ben wir mit den Tie­ren gemein.
(Kein Mensch baut ein Haus wis­sent­lich auf schlech­tem Grund, au­ßer, da­mit ist et­was be­ab­sich­tigt — von dem be­wusst oder un­be­wusst er­war­tet wird, dass es ei­nem gut tut. Wir sind Gut­men­schen. Alle.)

Denk­zet­tel 254

Alles neu macht der … November

Eine kleine Etymogelei. Über das Unbestimmte.

no­vem“, lat. Zahl­wort „neun“ und auch 1. Per­son Sin­gu­lar Prä­sens Kon­junk­tiv Ak­tiv zu In­fi­ni­tiv „no­va­re“: „ich erneuere“.

Wes­halb dann der No­vem­ber als ‚Trau­er­mo­nat‘? Des Ne­bels we­gen? Die­ser Ne­bel, Sinn­bild der Zu­kunft als sol­cher: Un­ge­wiss, un­ge­schrie­ben, un­klar, un­be­stimmt. Unentborgen.

Das Neue hat ei­ne Ei­gen­schaft, die viel­leicht in un­se­rer wachs­tums­ori­en­tier­ten Ge­sell­schaft nicht wahr­ge­nom­men wer­den will, weil es Wachs­tum re­la­ti­viert, ja so­gar fast zu ei­ner Null­li­nie macht: Wo Neu­es ent­steht (al­so ins Lau­fen kommt, „ent-“ wie in „ent­steint“, das En­de des Ste­hens, des­sen, was ist, be­zeich­nend), geht alt Ge­wor­de­nes, ‚ver­west‘1⇣„ver-“: drückt in Bil­dun­gen mit Ver­ben aus, dass ei­ne Sa­che durch etw. (ein Tun) be­sei­tigt, ver­braucht wird, nicht mehr besteht.„wesen“ … Wei­ter­le­sen…. Wo Neu­es ent­steht, schwin­det der Ne­bel: er wird ge­wan­delt; aus Po­ten­tia­li­tä­ten wird ei­ne Rea­li­tät. Bli­cken wir zu­rück, ist dort kein Ne­bel. Der liegt im­mer vor uns.

Es ist wahr, was die Phi­lo­so­phie sagt, dass das Le­ben rück­wärts ver­stan­den wer­den muss. Aber dar­über ver­gisst man den an­dern Satz: dass vor­wärts ge­lebt wer­den muss.

Sø­ren Kierkegaard

Die­se Welt ist ein Um­schlag­platz. Und das, was wir so gern als Wachs­tum mit ei­ner Kur­ve an die Ta­fel zeich­nen, wird des­halb kon­stant blei­ben, in Sum­ma. Weil es kein Wach­sen an­zeigt, son­dern den Um­schlag, den Wech­sel. Mal schnel­ler, mal lang­sa­mer; mal mehr, mal weniger. 

Und nichts in die­ser Welt ist so dau­er­haft wie der Wan­del: ei­ne wohl ewi­ge Kon­stan­te, die­ser, an sich, als sol­cher; ei­ne Qua­li­tät, die in un­ter­schied­li­chen Quan­ti­tä­ten für uns in Er­schei­nung tritt. Und Trau­er, dies sei an­ge­merkt, kann auch ge­le­sen wer­den als Auf­for­de­rung, sich [et­was] zu[ ][zu]trauen. Sich zu: Verwandeln.

Doch oh­ne Ne­bel als „Mas­se“ ist nichts mehr da, was ge­wan­delt wer­den könn­te. Ei­ne Welt oh­ne un­be­stimm­te Po­ten­tia­le kann kei­ne Rea­li­tät hervorbringen. 

Kei­nen ori­en­tie­ren­den Ho­ri­zont. In ei­ner Welt oh­ne Un­be­stimmt­heit kann nicht ge­lebt wer­den. Und da­mit auch nicht: ver­stan­den werden.

Re­fe­ren­ces
1„ver-“: drückt in Bil­dun­gen mit Ver­ben aus, dass ei­ne Sa­che durch etw. (ein Tun) be­sei­tigt, ver­braucht wird, nicht mehr be­steht.
„we­sen“ Verb: (als le­ben­de Kraft) vor­han­den sein.
Quel­le: dwds.de

Denkzettel 228

Selbst wenn sich ein Uni­ver­sum oh­ne Men­schen vor­ge­stellt wer­den kann, ist da min­des­tens ein Mensch, der sich ein Uni­ver­sum oh­ne Men­schen vor­stel­len kann. Was ge­schieht mit die­sem Uni­ver­sum, die­sem: Gan­zen, wenn auch die­ser Mensch dar­aus ver­schwin­det? Was kann – muss! – dann noch über die­ses Gan­ze ge­sagt wer­den? Exis­tiert (Verb!) es dann über­haupt — wenn das letz­te emp­fin­dungs­fä­hi­ge We­sen aus ihm ent­wi­chen ist? Oder bleibt dann nichts als ein amor­phes, an­an­thro­po­sa­les ‚En­er­ge­ti­sches‘, ei­ne Po­ten­tia­li­tät, rei­ne Form oh­ne jeg­li­che Ge­stalt, die ja durch­aus „Sein“ (No­men!) ge­nannt wer­den könn­te? (Und eben nicht „Nichts“. In­des nun: Leer — oh­ne Ge­stalt, al­so oh­ne Bedeutung.)

(Es könn­te durch­aus auch ge­fragt wer­den: Wo­zu phy­si­ka­li­sche Mas­se­ge­set­ze, wenn kei­ne Mas­se da ist? Das ist, eben: absurd.)

Denkzettel 193

Die Sub­jek­ti­vi­tät tran­szen­die­ren, dar­um geht’s, die­se Gren­ze will über­schrit­ten sein: Ob­jek­ti­vi­tät er­lan­gen, et­was über die Welt oh­ne den Men­schen sa­gen kön­nen. Doch wo wä­ren all die Ob­jek­te, mit­hin die Ob­jek­ti­vi­tät, oh­ne Sub­jekt? Würde/n sie über­haupt exis­tie­ren? Ja, ja, ge­ben wür­de es sie wohl, in­des: eben nur als sinn­lo­se Materie. 

Denkzettel 190

Wahr­heit ist ein Pro­dukt des mensch­li­chen Ver­stan­des und hat mit Ma­te­ria­li­tät nichts zu tun. Oh­ne den Men­schen gibt es nichts Wah­res, nichts Fal­sches, nichts Rich­ti­ges. Wohl in­des gibt es – zu­min­dest ist die­se An­sicht aus gu­ten Grün­den glaub­wür­dig – auch oh­ne Men­schen ei­ne Wirk­lich­keit des Ma­te­ri­el­len. Was al­ler­dings für den Men­schen auch nur ei­ne un­be­weis­ba­re Idee ist, al­so ei­ne me­ta­phy­si­sche An­nah­me. Und was wür­de es ei­ner Welt oh­ne Men­schen aus­ma­chen, wenn die­se un­wahr wä­re? Nichts — denn ei­ne Welt oh­ne Men­schen ist für den Men­schen sinn­los: so kann für den Men­schen ei­ne Welt nur aus rei­ner Ma­te­ria­li­tät nicht exis­tie­ren. Die Welt der Men­schen ver­schwin­det mit dem Tod des letz­ten Men­schen, wie mit dem Tod ei­nes Men­schen des­sen Welt er­lischt. Was dann noch ist, ob dann noch et­was ist, kön­nen wir ein­fach nicht wis­sen. Wir kön­nen es nur glau­ben. Denn wir kön­nen es we­der fal­si­fi­zie­ren noch ve­ri­fi­zie­ren. Wo­zu auch?

Denkzettel 180

Die Fra­ge nach dem Sinn des Gan­zen ist ei­gent­lich ei­ne völ­lig über­flüs­si­ge: Als Gan­zes hat die­ses kei­nen Sinn, kei­nen Zweck, kei­nen Nut­zen für et­was als nur für sich selbst. (Wor­an sich die Fra­ge nach ei­nem Sinn von Sinn an­schlie­ßen lässt.) Denn es kann au­ßer­halb des Gan­zen nichts ge­ben, für das es von Nut­zen sein könn­te, ei­nen Zweck er­fül­len könn­te, Sinn ge­ben oder ma­chen könn­te — oder all das eben auch nicht; sonst ist es nicht das Gan­ze, son­dern ein Teil von et­was Grö­ße­rem, Umfassenderem.
(So ist das ei­ne Gan­ze eben im­mer wahr; oder falsch — doch dar­in dann wie­der wahr, al­so rich­tig falsch. Ei­ne Tau­to­lo­gie, oh­ne jeg­li­chen lo­gi­schen Ge­halt — wird es lo­gisch angesehen.)