Denkzettel 266

Wis­sen­schaft­ler und Lei­den­schaft­ler. Die Ers­te­ren (ver)schaffen Wis­sen, die Letz­te­ren Lei­den. Ers­te­re füh­len sich der Ra­tio­na­li­tät ver­pflich­tet, letz­te­re sind dem Äs­the­ti­schem freund­lich gesinnt.

(„Lei­den“ wie in: „Dich kann ich (nicht) gut leiden.“)
(Und ja: Es gibt lei­den­schaft­li­che Wis­sen­schaft­ler, im Gu­ten wie im Bö­sen, wie es in bei­dem wis­sent­li­che Lei­den­schaft­ler gibt.)

Denkzettel 263

Ein Pro­blem mit der Me­tho­de der Dif­fe­ren­zie­rung an­zu­ge­hen, ist wie das Mahl­werk ei­ner Müh­le: je län­ger ge­mah­len wird, des­to mehr löst sich das Pro­blem auf, bis es schließ­lich ver­schwun­den ist (Oh­ne dass es zer­re­det wor­den wä­re!). Vie­le Pro­ble­me fra­gen gar nicht nach ih­rer Lö­sung, ei­ner Ant­wort. Sie for­dern ih­re Auf­lö­sung ein — zu­min­dest da­zu auf.
(Vie­le Pro­ble­me ent­ste­hen aus Ver(w)irrung. Dif­fe­ren­zie­ren ent(w)irrt.)
(Ato­me schaf­fen kei­ne Pro­ble­me. Mo­le­kü­le sind wie Kal­kü­le, die Pro­ble­me machen.)

Denkzettel 254

Kein Mensch han­delt auf Ba­sis ei­nes schlech­ten Grun­des. Das ha­ben wir mit den Tie­ren gemein.
(Kein Mensch baut ein Haus wis­sent­lich auf schlech­tem Grund, au­ßer, da­mit ist et­was be­ab­sich­tigt — von dem be­wusst oder un­be­wusst er­war­tet wird, dass es ei­nem gut tut. Wir sind Gut­men­schen. Alle.)

Denkzettel 243

Weis­heit ist nichts, das man se­hen, (an)erkennen, kann wie Wissen.

Sie zeigt sich, kann ge­schaut werden.

(Des­halb hat sie in der Aka­de­mie nichts zum Su­chen; wenn sie et­was ver­lo­ren hat, dann ge­wiss nicht dor­ten. Wenn sie uni­ver­si­tär auf­taucht, dann nur als Wis­sen­schaft über sie, in­des nicht als Fach von ihr. Was schlich­ter­dings auch nicht mög­lich ist: In Weis­heit zu unterrichten.)

Denkzettel 235

Ei­gent­lich braucht es min­des­tens zwei Wor­te, um von ei­ner Sa­che re­den zu kön­nen. Wenn z. B. vom Den­ken ge­re­det wer­den will, ist gut dar­an ge­tan, auch vom Rech­nen zu re­den. Mit Hil­fe der Dif­fe­renz kann sich zei­gen, was mit Den­ken ge­meint sein will — und was zum Aus­druck ge­bracht wer­den möch­te, wird das Verb „rech­nen“ be­nutzt. Will mei­nen: Es be­darf min­des­tens zwei­er Per­spek­ti­ven, um ei­nen Be­griff bil­den zu können.

(Das Wört­chen „nicht“ fun­giert da durch­aus als Hein­zel­männ­chen. Und Jaspers sagt ja auch, wohl Nietzsche fol­gend: Die Wahr­heit be­ginnt zu zweien.)