Denkzettel 267

Mich in­ter­es­sie­ren Mei­nun­gen mehr als Ar­gu­men­te. Ar­gu­men­te kön­nen nach Be­darf ge­baut wer­den, die Mei­nung sagt et­was über den Men­schen. Und der in­ter­es­siert mich. Als sol­cher. Weil ich Mensch bin.
(Ich könn­te auch sa­gen: Die Mei­nung gibt dem Ar­gu­ment ei­nen Wert. Oder auch: Ein Gewicht.)
Und wes­halb? Und wozu?
Ich möch­te zu­al­ler­erst Äs­thet sein und zu­al­ler­letzt Rationalist.
(Wis­sen ist ein Werk­zeug, der Um­gang da­mit kann ra­tio­nal ge­lehrt wer­den; Weis­heit ei­ne Ein­stel­lung. Der Um­gang da­mit will äs­the­tisch ge­übt sein.)

Denkzettel 264

Ei­ni­ge von de­nen, die da mei­nen am Phi­lo­so­phie­ren zu sein, zu: Den­ken, funk­tio­nie­ren nur in­ner­halb von Re­geln; Sie rechnen.
(Es kommt eben dar­auf an, was un­ter σοφία (so­phía), Weis­heit, ver­stan­den wer­den will, de­ren φίλος (phí­los), Freund, zu sein sich an­ge­schickt wird: ge­si­cher­tes Wis­sen oder die Kom­pe­tenz, auch oh­ne die­ses ver­nünf­tig sein zu können.)

Denkzettel 255

Ge­rech­tig­keit ist wohl der Akt des Aus­gleichs von Un­gleich­heit. Die Recht­spre­chung, von Men­schen­hand ge­schrie­be­ne Ge­set­ze, das zi­vi­li­sa­to­ri­sche Re­gel­werk, mag da dann das In­stru­ment sein. Das Schäu­fel­chen, wel­ches von ei­ner Waag­scha­le nimmt und das Ge­nom­me­ne der an­de­ren zu­gibt. Bis Gleich­heit er­reicht ist.

Was ist dann wohl die per­so­na­le, sub­jek­ti­ve Recht­spre­chung, die für per­sön­li­ches Wohl­be­fin­den, Aus­ge­gli­chen­heit so­zu­sa­gen, sor­gen möch­te? Die Mo­ral als Ge­be­rin von Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den (und eben nicht Ge­set­zen), das Ge­wis­sen als Rich­ter? Und dann die Ver­nunft als Schäufelchen?

(Doch es sei be­dacht: Ei­ne Welt oh­ne Un­gleich­heit, die Eli­mi­na­ti­on jeg­li­cher Dif­fe­renz, ist wohl wie ei­ne lee­re Batterie…)

Denkzettel 226

Mög­li­cher­wei­se le­ben wir (je) in der bes­ten der uns (je) mög­li­chen Welten.
Die an­dau­ern­de Skep­sis dar­an, ob es wirk­lich die bes­te ist, er­öff­net da­bei stets den Blick auf die an­de­ren uns (je) mög­li­chen Welten.
So ha­ben wir (je) im­mer die Mög­lich­keit, die ge­ra­de bes­te un­se­ren (je) mög­li­chen Wel­ten zu wählen.
(Manch­mal auch von jetzt auf nach­her — und wie­der zu­rück, oft un­be­merkt. Ei­ne bes­te Welt hat ei­ne sehr kur­ze Halbwertszeit.)

Denkzettel 221

Es heißt ja, ge­mein­hin, wenn wir uns über das Ver­hal­ten ei­ner Per­son echauf­fie­ren, zeigt dies auf Tei­le von uns, die wir an uns nicht mögen.

Da ist es doch durch­aus denk­bar, dass, be­ein­druckt uns das Ver­hal­ten ei­ner Per­son, dies auf Zü­ge in uns ver­weist, die wir nicht wagen.

Oder viel­leicht gar nicht ken­nen — und wir so ei­ne Auf­for­de­rung zur An­er­ken­nung vernehmen?

Ever­ything that ir­ri­ta­tes us about others can lead to an un­der­stan­ding of ourselves. 

Carl Gus­tav Jung [Herv. VH]