Denkzettel 106

Der Übermensch: der, der man sein soll, zu dem man veranlagt, begabt, irgendwie auch: verurteilt ist. Diesen Übermenschen in sich zu erkennen, ist eine ungeheure, nicht nur intellektuelle Anstrengung. Ein Akt intensivsten Denkens, mit allen Sinnen, um nicht einer gefälligen Illusion aufzusitzen. Also in allerschärfster Redlichkeit, Moral, nach ihm zu trachten, Mut zu ihm zu haben; nach bestem Wissen und Gewissen, nicht nach Erwartungen Anderer. Und also keinem Ideal hinterherzulaufen wie ein Schaf in der Herde dem Schäfer, bewacht von dessen Hund, sondern die ‚Wahrheit‘ über sich, das ‚wahre‘ Ich, sich selbst in Erfahrung bringen: Seine Wirklichkeit begreifen. … Weiterlesen➜

Denkzettel 102

Wenn Ungerechtigkeit festgestellt wird, wird irgendetwas irgendeinem Maß nicht gerecht.
Z.B. das eigene Leben oder jenes Anderer den eigenen oder fremden Erwartungen nicht.
Und Erwartungen werden mit Regeln begründet; „in der Regel“, „regelmäßig“, „regelkonform“, wie man so sagt.
(Oder auch: „So soll es sein!“ — Auch nichts anderes als eine Regel.)
(So gesehen sind Enttäuschungen zu den Ungerechtigkeiten dieser Welt zu zählen.)

Es kann auch gesagt werden: Irgendetwas richtet sich nicht nach einer Regel oder den Regeln aus. Dann ist es nicht richtig (ausgerichtet).

(Und Regelmäßigkeit, Regelrichtigkeit, Regelkonformität können wir am Himmel beobachten; Tag für Tag, Nacht für Nacht.)

Doch  … Weiterlesen➜

Zeitgeist

Wie entstehen Vergangenheit und Zukunft? Was ist Gegenwart?

Wir1↓Das „Wir“ wird in dieser Betrachtung stilistisch verwendet und meint „Wir Menschen“. Freilich ist damit keinerlei normativer Anspruch für … Weiterlesen... alle werden das wohl kennen: Unsere Erinnerung beginnt nicht am Tag unserer Zeugung, sondern erst sehr viel später. Wo sind wir während dieser Zeit? Gab es uns überhaupt?

Wer sich einmal den Moment der ersten Erinnerung vergegenwärtigt, sollte feststellen können, dass erst ab diesem Zeitpunkt  … Weiterlesen➜

Kampfgeist

Ausgeglichenheit als lebhafte Ruhestifterin

Wer kennt sie nicht, die Kampfkunst Aikido (jap.: 合気道)? Wohl eher: viele. Andere Dinge mit „-do“ am Ende (nein, es ist kein Englisch und steht nicht für „tun“ … obgleich…) sind da geläufiger: Judo, zum Beispiel. Allerdings wird es sich im Großen und Ganzen damit auch schon erschöpft haben.

Das „-do“ stammt hier aus dem Japanischen und bedeutet „Weg“. Freilich ist nicht die Autobahn A5 gemeint, sondern „Weg“ meint hier eine Metapher. „道“, „DO“ in der sog. KUN-Lesung, so gibt das Kanji-Lexikon1↓https://mpi-lingweb.shh.mpg.de/kanji/ — die im Japanischen verwendeten Schriftzeichen chinesischen Ursprungs werden Kanji  … Weiterlesen➜

Denkzettel 86

Dem Gedachten ist es egal, ob es in Lumpen oder feinster Garderobe gekleidet in Erscheinung tritt, also als Gedanke in einfache oder schwierige Worte gefasst wird.
Die Kunst rechten Sprechens ist es wohl, auch in Lumpen vor eine/n König/in treten zu können, also seiner Würde auch dann nicht verlustig zu werden.
(Und: Auch mit Lumpen kann man blenden.)

Denkzettel 80

Leben heißt mehr, viel mehr, als es rational in propositionale Portionen zu quantifizieren und darin dann nach der Wahrheit, der Logik, zu suchen und sie zu bestimmen.
Doch auch mit einer arationalen – nicht irrationalen! – Qualifizierung in Ströme und Flüsse sich auf die Entdeckung der Wirklichkeit zu begeben, wird sich Leben nicht zur Gänze erschließen lassen.
Und auch die sinnige wie sinnreiche Kombination von beiden wird es nicht schaffen.
Es wird wohl immer mindestens ein Rätsel übrig bleiben. Ein weder quantitativ noch qualitativ oder anderweitig erklärbarer Rest.

Denkzettel 78

Mit sich vertraut sein heißt, auch ohne Licht in den Keller gehen zu können und vollauf orientiert zu sein.
(Das heißt auch: gewahr sein, wo die Leichen liegen und so nicht über sie zu stolpern.)
Für den Umgang miteinander kann das bedeuten: Aus dem Soll der Selbstverteidigung kann ein Ist der Selbstsicherheit erwachsen; aus dem sich verstecken Müssen ein sich zeigen Können, aus dem Reagieren ein Agieren.