Denkzettel 231

Der Autoritarismus bietet jenen, die sich ihm untertun – oder untergetan werden –, das frei sein vom „frei sein zu“. Gerne verkauft er sich so als eine Form von Liberalismus; geriert sich in seinen Anfängen, um zu verfangen, als Freiheitsgarant.

Eben: Als ‚-ismus‘ wird das Liberale beworben und verkauft. Schon allein damit scheint das Autoritaristische darin auf.

Jaspers Geist

Ein guter Freund hat mir die gedruckte Version – ein merkwürdiges Gefühl, ein Büchlein in der Hand zu halten, das 1947 in Nördlingen gedruckt und in München herausgegeben wurde; als hielte man Geschichte in den Händen – eines Vortrages von Karl Jaspers im Jahr 1946 zukommen lassen: »Vom europäischen Geist«. Ein gehaltvoller Text, den Jaspers da gesetzt hat. Sehr bedenkens- und mehrmaliger Lektüre wert, und seien es nur einzelne Kapitel. Da ist so manches zu lesen und das nun aus einer Perspektive, die die Annahmen, die dort gemacht wurden, prüfen kann. Sehr aufschlussreich, wie ich finde.

Vor dem ersten Weltkrieg galt die Gemeinschaft der europäischen Nationen, die Einheit Europas als selbstverständlich. Es erscheint uns wie eine paradiesische Zeit, als man ohne Paß aus Deutschland nach Rom fuhr und nur die Merkwürdigkeit feststellte, daß, wenn man nach St. Petersburg fahren wollte, man einen Paß brauche. (S. 5)

Diese Betrachtung hier beschäftigt sich nicht mit diesem Inhalt sondern gibt einen Gedanken wieder, der bei der Lektüre auftauchte, und beginnt mit einem „Allerdings“: Die große Hürde meines Zugangs zu Jaspers sind dessen Reden von Gott, sein für mich etwas sehr undurchsichtiges Verhältnis zum Christentum, und seine Idee vom „liebenden Kampf“. Es mag ein spannungsreiches Oxymoron sein, gut gemeint, dem Menschen in Summa gerecht werdend. Doch mir gefällt es nicht; ich denke: Wie kann man Krieg in einen solchen Euphemismus setzen? Ist das nicht etwas naiv? Oder, in Anbetracht der Jahreszahl des Druckwerks: Ausdruck einer Verzweiflung? Ein Versuch das Gute im und des Menschen retten zu wollen, und das im Angesicht der physischen wie psychischen Trümmerhaufen?

Statt eines Gottes – womit ich einen höheren Willen impliziert sehe – verlangt mir nach etwas wie „heilige Offenheit“. Statt „liebenden Kampf“ möchte ich so etwas wie ein „wohlwollendes, verbindendes Spiel“ sehen. Und statt der „Liebe“ – ein von Jaspers auch gerne gebrauchtes Wort, wie mich dünkt – schließlich, jener so schrecklich überladenen Begrifflichkeit, die eben deshalb nicht mehr zu verstehen ist und in seiner Vieldeutigkeit nichtssagend wird, wäre mir die Rede von „achtender Freundschaft“ wünschenswert. Was ein Pleonasmus wäre, der da dem Oxymoron entgegengestellt wird.

Deren dialektisches Gegenstück mitnichten die „verachtende Feindschaft“ ist, sondern hier mir eine „gleichgültige Zugewandtheit“ erstrebenswert scheint und unter Menschen – man kann ja nicht alle mögen und von allen gemocht werden – wohl unausweichlich. Ein Mensch, der nicht geachtet wird, wird so nicht verachtet, wenn er nicht beachtet wird. Er soll, aus guten persönlichen und privaten Gründen wünschenswert, halt nur für’s eigene Dasein keine Rolle spielen.

Zuweilen ein sehr schwierig zu realisierender Anspruch.

Verachtung und Feindschaft sind dagegen simpel, die Liebe allerdings halte ich da für verlogen.

Der Anspruch der Freiheit ist daher, nicht aus Willkür, nicht aus blindem Gehorsam, nicht aus äußerem Zwang zu handeln, sondern aus eigener Vergewisserung, aus Einsicht. Daher der Anspruch, selbst zu erfahren, gegenwärtig zu verwirklichen, aus eigenem Ursprung zu wollen durch Suchen des Ankers im Ursprung aller Dinge. (S. 10)

Wer sich dem Selbstsein (ganz unironisch sei schon hier, dem nächsten Zitat vorgreifend, darauf hingewiesen, dass in „Kommunikation“ „Unikat“ steckt) verweigert (also: seinem Leiden und dessen Überwindung, d. i. Existenz), und so (es hieße, sich seiner Existenz berauben zu müssen) das Leiden vernichten will (z. B. durch Preisgabe des individuellen Selbst in eine Herde Unselbst(ändiger)iger, Unmündiger, angeführt von einem irrealen, ideologischen, kollektischen, übergriffig alles vereinnahmen wollenden „Überselbst“, das alle Schuld für’s je eigene Leiden auf all jene Anderen lädt, die sich einer solcher Ideologie nicht unterstellen wollen, ihr nicht dienen wollen, die, die sich der Versklavung durch eitle Dummheit widersetzen), kann von meiner Seite her nichts Besseres erwarten als mürrische Indifferenz, im Schlechtesten entnervte Abgewandtheit. Das Übel nur: Diese Gesten werden von jenen – für mich letztlich: eben auch, nicht nur, selbstverschuldet Elenden, Miserablen – nicht verstanden. Denn, oh ihr blinden Queren, ihr verblendeten Verschwörungsgläubigen und alle deren Anverwandte, also all ihr Frömmelnden, gleich welchen Glaubens: Ihr schafft euch selbst die Welt, die ihr nicht wollt. Die ihr verachtet. Doch ihr seid offenbar derart damit beschäftigt, euer persönliches Leiden zu vernichten, dass ihr den Blick auf jene, die euch benutzen für ihre eigene Vernichtung ihres persönlichen Leides, mit einer rosaroten Brille verklärt, zu Wissenden erhebt und so blind in euer selbst geschaffenes Unglück lauft. Freilich berauscht vom Morphium des Glücksgefühls, nun endlich was zu gelten in dieser Welt, Bescheid zu wissen, beachtet zu werden, wenn auch nur verachtend. Der Kater wird furchtbar, ihr werdet es wohl selbst in Erfahrung bringen — wollen.

Weil der Mensch nur frei sein kann, wenn seine Mitmenschen frei sind, muß er die sich isolierende, kommunikationslose Freiheit verwerfen. Überall, und auch in Europa, gab es das Ausbrechen der einzelnen als Eremiten, Philosophen, Heilige, die, von der Welt nicht mehr betroffen, eine hohe, bewunderungswürdige persönliche Souveränität errangen. Aber konkrete Freiheit erwächst nur im Miteinander als Verwandlung des Menschen mit seiner Welt. (S. 14)

Doch wie gesagt: Anspruchsvoll. Stets lockt der einfache Weg der Verachtung. Dies letztlich die Spiegelung dessen, was mir da – womöglich aus nachvollziehbaren Gründen und dennoch nicht akzeptabel und tolerierbar – entgegengebracht wird von solcherlei mir unerwünschten Charakteren: die „dunkle Seite der Macht“.

Der philosophisch ernste Europäer steht heute vor der Entscheidung zwischen entgegengesetzten philosophischen Möglichkeiten. Will er in die Beschränkung fixierter Wahrheit, der am Ende nur zu gehorchen ist — oder will er in die grenzenlos offene Wahrheit? (S. 30)

Denkzettel 146

Identitätspolitik ist der wohl immer zum Scheitern verurteilte Versuch, es Jedem und Jeder recht machen zu wollen. Und eigentlich ist das Wort Unsinn: eine Identität, eine Unverwechselbarkeit, die Einzigartigkeit ergibt sich aus der individuellen Kombination vieler diskriminierbarer Merkmale. Eine solche Politik wäre eine Politik für jede/n Einzelne/n. Also gar keine Politik, sondern die Befriedigung der Egos, „Egotik“, sozusagen. Das Wort sollte lauten: Ideologiepolitik. (Was als Pleonasmus angesehen werden könnte.)

(Was alles nicht verdunkeln soll, dass es jede Menge Minderheiten gibt, die sich nicht gesehen fühlen und mit Recht auf sich aufmerksam zu machen suchen. Denn im Grunde besteht die Welt ja aus Minderheiten — sie sind in der Mehrheit.)

Wahrheit & Wirklichkeit

Über Kultur & Natur, Verstand & Vernunft, Erkenntnis & Einsicht. Über den Menschen. Als Tier.

Inwieweit kann über das Leben philosophiert werden im Sinne: eine ‚Wahrheit‘, (objektive) ‚Erkenntnisse‘, ‚Wissen‘ zu (er)finden?

Inwieweit findet sich die Philosophie des Lebens darin: es einfach zu leben, das je eigene Leben, wie es sich für ein Individuum ergibt, ergeben mag, ergeben will?

Darin, das je eigene Leben für sich zu bejahen, in aller Konsequenz — und über so gewonnene ‚Ansichten‘, (subjektive) ‚Einsichten‘, ‚Weisheit‘ sich, durchaus sich selbst und gegenseitig kritisch hinterfragend, auszutauschen, den eigenen Horizont so also erweiternd.

Inwieweit wäre eine Philosophie des Lebens also weniger erkenntnistheoretisch zu fundieren und ist mehr in der verstetigten Übung einer Einsichtspraxis zu begründen? Inwieweit soll sie also nicht ‚Wissen‘ der ‚Wahrheit‘ zum Ziel haben („Macht“), sondern ‚Mut‘ zur ‚Wirklichkeit‘ („Vermögen“) vermitteln?

Inwiefern wäre ein Austausch von, also Handel mit, Einsichten einem Angreifen und Verteidigen, einem Krieg der Erkenntnisse, vorzuziehen?

Ist denn ein Kampf um die Wahrheit wirklich so erstrebenswert? Sollte nicht das Augenmerk auf das Verhältnis zur Wirklichkeit gerichtet sein — auch und gerade in der Philosophie? Führt sich denn ein Leben gut, lässt es sich gut führen, wenn es sich allein auf Erkenntnisse des Verstandes stützt?

Ist Wahrheit denn nicht: ein Konstrukt unserer Wirklichkeit, unserer Verwirklichung als Menschen? Tiere kennen keine Wahrheit, nur Wirklichkeit. Was nutzt uns Menschen denn diese Wahrheit, eigentlich?

Vielleicht dient sie letztlich nur dazu, uns nicht gegenseitig zu vernichten. Und doch kann sie auch gedacht werden als Antreiber genau dieser Selbstvernichtung. Die Kriege auf dem Gebiet der zur Religion überhöhten Weltanschauungen singen da ja ein lautes Lied. Ein Klagelied, wohl.

Der Verstand, der die Wahrheit sucht, gar: braucht, mag ein hilfreicher Geselle sein. Doch wenn wir einen Gesellen zum König küren, gibt es da nicht ein Qualitätsproblem? Versagt denn da nicht unsere Vernunft? Geht das nicht an der Wirklichkeit vorbei?

Die Wahrheit ist ein Konstrukt unseres Geistes. Um zu leben, brauchen wir keine Wahrheit. Sie ist eine Architektin unserer Kultur, kein Arzt unserer Natur. Wir werden auch immer Tiere bleiben. Tiere die Hunger haben und Durst. Tiere, die sich vermehren wollen. Tiere, die ihr Revier verteidigen. Tiere, die kämpfen. Tiere, die überleben wollen. Dieses Tier geht nicht weg, es ist immer da. Unsere Kultur ist ein natürlicher Überbau. Und von dem aus haben wir das Tier im Menschen festzustellen, zu konstatieren. Kein Weg führt daran vorbei. Diese Sicht ist vernünftig, auch wenn der Verstand sich gegen diese Wahrheit wehrt. So Manche wollen das nicht wahrhaben, das Tier im Menschen fürchtend.

Ob dieses Tier ein Wolf oder ein Lamm ist, ein Wal oder Haifisch, ein Orka oder Walhai, das liegt in der Macht des Menschen. Und kein Mensch ist seinem Tier ausgeliefert, prinzipiell. Wir sind die Dompteure unseres Tiers in uns. Da sind die Krieger: gezüchtete Haifische. Da sind die Kämpfer: gezüchtete Gnus. Und da sind eben die friedlichen und unfriedlichen: gezüchtete Tiere. Abgerichtet.

Wer es nicht schafft, seinen „Willen zur Macht“ für sich selbst zu nutzen, wird ein Sklavenleben führen müssen. Ja? Nein! Sie kann genauso ein Herrenleben führen. Doch die Macht über die Macht, die hat nicht, wer sich nicht darauf versteht, seinen „Willen zur Macht“ für sich nutzbar zu machen. Er wie sie werden ein Herdentier sein. Auch Leithammel und -löwinnen sind: Herdentiere. Mag eine Herde auch als Rudel daherkommen.

Der vernünftige Mensch sucht doch die Freiheit, die Wahl. Die Verantwortung damit, auch. Das ist die Wirklichkeit des Menschen, in eben dieser Freiheit zu stehen. Was heißt: zu suchen braucht er sie nicht, er hat sie schon. Nur sie auch zu leben, das traut er sich noch nicht. In 10000 Jahren wird die Welt anders aussehen.

Er misstraut seiner Natur. Sieht sie als Dunkles, Bedrohliches, Unbeherrschbares. Schafft Wahrheiten, um das Dunkel zu beherrschen. Und ist von seinem eigenen Licht geblendet. Sieht nicht, versteht nicht, dass er nur sich selbst beleuchtet — doch erklärt so die ganze Welt.

Das Monster des Menschen steckt doch in seiner Kulturfähigkeit, die Kultur ist das Monster, das er fürchten sollte. Seiner Natur nach ist der Mensch vernünftig — und seine Natur hat sich bisher immer durchgesetzt. Noch ist die Menschheit nicht durch eine Apokalypse von der Bildfläche des Universums verschwunden. Doch Hochkulturen verschwinden irgendwann, da reicht ein vernünftiger Blick in die Geschichte völlig aus.

Und diese Kulturfähigkeit — gehört zu seiner Natur. Sie ist das Tier, das es zu bändigen gilt. Die Vernunft, die Natur des Menschen, ist Herr über den Verstand, die Kultur des Menschen. Der Verstand ist ein Knecht, kein Herr. Und im Grunde ist der Mensch: Chaotisch. Vernünftig. Doch das schmeckt seinem Verstand nicht, der das Chaos fürchtet. Weil es ihn desorientiert, wenn er keine Regel entdecken kann, nichts vorhersagen kann. Der Mensch fürchtet sich, wenn er nicht wissen kann, was ihn erwartet. Zumindest verunsichert es ihn, weshalb ihm der Verstand mit auf den Weg gegeben wurde. Oder, darwinistischer formuliert: Sich evolutiert hat. Damit er sich nicht so fürchtet.

Der Verstand des Menschen (zer)stört das Klima, der Verstand des Menschen begründet einen Genozid, der Verstand des Menschen lässt ihn Kriege führen — alles im Namen der Wahrheit.

Die Kunst ist kein Produkt der Kultur des Menschen, seines Verstandes — es ist ein Gewächs seiner Natur, des Tieres in ihm, seiner Vernunft. Es ist die Kunst, die den Menschen aus den Miseren, die er mit seiner Kultur selbst geschaffen hat, rettet.

»Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf« meinte Hobbes. Nietzsche könnte, vielleicht, sagen: Der Mensch ist dem Menschen (s)eine Kultur.

Philosophie sollte Kunst sein, nicht Wissenschaft. Vernunft, nicht Verstand. Natur, nicht Kultur. Der Mensch ist ein natürlich philosophisches Wesen und nur kultürlich ein wissenschaftliches.

Bis hierhin alles schön schwarz-weiß, dem Verstande leicht verdaulich. Lassen wir nun Vernunft walten, begeben wir uns also jenseits von wahr oder falsch, Disjunktion und Konjunktion. Betreten wir das Reich der Vernunft. Den Verstand, das Drängen nach Erkenntnis, nach Wahrheit, wahr sein, hinter uns lassend, die Einsicht vor uns. Wenden wir uns dem Chaos zu. Sehen wir nach vorne.

Der vernünftige Mensch ist ganz Natur. Kernig, erdverbunden, unaufgeregt. Bescheiden. Hätte der Mensch keine Kultur, dieser Planet wäre der friedlichste Ort mit der besten Luft und den günstigsten Habitatbedingungen für den Menschen, die sich nur denken lassen. Ein: Paradies.

Wenn da nicht die Mühen der Jagd wären. Und der beengte Raum. Und die Neugier, die Gier überhaupt. Und dann dieser Winter. Und der Sommer erst, je nach Gegend. Nein, dieses Habitat erscheint dem Verstand, dem Bequemlichkeit suchenden Hirn, des Energiesparens wegen, gar nicht so gemütlich. Das Habitat will kultiviert sein, wohnlich hat es zu sein!

Da ist’s dann auch schon wieder vorbei mit der Vernunft, der gierige Schlund der Kultur öffnet sich und verleibt sich das Habitat ein. Die Vernunft für sich allein scheint also nicht besonders stark zu sein.

Um nun also als Menschen uns selbst das Wasser nicht abzugraben vor lauter Kulturdrang und Naturverachtung, bleibt wohl doch nur die Flucht nach vorne: sich jenseits von gut & böse, wahr und falsch, Chaos und Kosmos, Vernunft und Verstand zu begeben. Ein Land, das wir uns gar nicht vorstellen können. Und das es vielleicht – deshalb? – nicht gibt.

Und doch gibt es einen Ort jenseits von: Das Zwischen. Das Zwischen von Natur und Kultur. Das Zwischen von Vernunft und Verstand. Da, wo der Mensch noch Mensch sein darf: Natur mit Kultur, Kultur mit Natur. Vernunft mit Verstand, Verstand mit Vernunft. Chaos mit Kosmos, Kosmos mit Chaos. Ein unmöglicher Ort, eine Utopie, weil in sich widersprüchlich? Nein! Diese Erkenntnis der Widersprüchlichkeit ist ein Widerspruch des Verstandes, wie der vernünftige Mensch sofort einsehen kann. In diesem „mit“ liegt der Schlüssel zur Glückseligkeit. Es vermittelt die Gegensätze vernünftig, die der Verstand geschaffen hat.

Chaos hat auch die Bedeutung jener Dunstschicht zwischen Himmel und Meer. Ursprung der beiden, so zumindest dachten sich das wohl manche in der Antike in Griechenland. Und so können wir auch den Menschen in eben diesem Chaos, in dieser Unbestimmtheit, Unbestimmbarkeit, in dieser Grenze, die nur als Übergang, als Angrenzung und nicht Abgrenzung in den Blick kommt, verorten. So angesehen, kann der Mensch als Schöpfer von oben und unten, von Himmel und Meer, Von Apoll und Dionysos, aufgefasst werden — sich selbst jedoch nicht erreichend, im Chaos verschwindend. Ein solches Ansehen des Menschen durch den Menschen selbst kann nun – vielleicht – eben als ein Akt des vernünftigen Verstandes, der verständigen Vernunft interpretiert werden. Es ist Einsicht wie Erkenntnis: erkennende Einsicht, einsichtige Erkenntnis.

Der Mensch: Ein Zwischen. Ein Inter-esse, ein „da, zwischen“, „in Mitten“ sein.

Denkzettel 119

Wahre, wirkliche Individuen gelangen ob früher oder später an den Punkt, an und mit dem sie ihre Unvollkommenheit zu spüren bekommen. Dann werden sie nicht aus gesetzten moralischen Gründen, sondern aus Notwendigkeit sozial, in welcher Form auch immer. Diese Formen können kapitalistisch, sozialistisch, liberal, kommunistisch, national, diktatorisch, demokratisch,… sein, auf Zweisamkeit und Mehrsamkeit, auf Gemeinsinn oder Gemeinschaft basierend sein oder in welchen Formen sonst noch sich artikulieren, formatieren, in denen selbstbestimmte Fremdbestimmtheit gelebt werden kann.

Fremdbestimmte Selbstbestimmtheit ist ein Gegenteil von Individuum: das Dividuum.
(Menschen sind von Geburt an Individuen.)