Der Mensch ist dem Menschen ein Hund... Foto: Jeroen Bosch | Unsplash

Und die Moral von der Geschicht’ …

Nietzsches »Jenseits von Gut und Böse«, nur anders.

Das „Jen­seits von“ die­ser Be­trach­tung ist das Jen­seits von My­thos und Lo­gos und will nun über­haupt kei­ne Theo­lo­gie als Gram­ma­tik ver­ste­hen (Wittgenstein/Luther) oder an­de­re Tricks ein­set­zen, um über et­was zu re­den, wo­von not­wen­di­ger­wei­se nur ge­schwie­gen wer­den kann. Dies Jen­seits ist ge­fasst in Sprach­lo­sig­keit, über die ge­spro­chen wer­den soll, auch wenn sie eben nicht di­rekt aus­ge­spro­chen wer­den kann. Denn in die­ser Sprach­lo­sig­keit ver­schwin­det der Mensch ja nicht. Er bleibt ja da — nun eben als Natur‑, nicht als Kul­tur­we­sen. Sei­ne Le­bens­welt mag da sei­ne Gren­ze fin­den, sei­ne na­tür­li­che Welt­lich- und Wirk­lich­keit nicht.

Und was ist er nun als sol­ches Na­tur­we­sen? Ei­ne „blon­de Bes­tie“ wie ihn Nietz­sche ter­mi­nier­te? Oder doch letzt­lich ein Geist­we­sen, wie es Esoteriker/innen wohl an­denken? Oder ein geist­li­ches, ver­geis­tig­tes We­sen, wie sie in Kir­chen durch­aus an­zu­tref­fen sind?

‚Geist‘ sei hier als zur Na­tur des Men­schen ge­hö­rend und ihn zur Kul­tur be­fä­hi­gend ge­dacht. Doch die­ser ‚Geist‘ scheint we­der Gott noch Wil­le, noch sons­ti­ger jen­sei­ti­ger, ‚hö­he­rer‘, über­sinn­li­cher Art und Wei­se zu sein; noch scheint er ra­tio­nal be­greif­bar, noch ver­nünf­tig er­fass­bar zu sein. Er ist ein­fach ‚da‘. Es ist wirk­lich: „da sein“ (Hei­deg­ger). Er ist Teil un­se­rer Na­tur, ent­steht in un­se­rem Kör­per, der dann eben als ‚be­seelt‘ er­scheint, un­se­rer Selbst­wahr­neh­mung wie der Wahr­neh­mung an­de­rer nach. Und so man­che glau­ben dar­an, dies kä­me eben von ei­nem wie auch im­mer ge­ar­te­ten ‚Oben‘. Doch wir kön­nen den ‚Geist‘ nicht fas­sen – wie das Geis­ter ja so an sich ha­ben sol­len –, we­der be­griff­lich noch emp­fin­dend und er wird wohl auch nicht di­rekt ver­mess­bar sein. An der Kul­tur be­mer­ken wir ihn, da ma­ni­fes­tiert er sich, wird ‚sicht­bar‘, doch eben nur als Epi­phä­no­men, nicht als Phä­no­men an sich. Der ‚Geist‘ an sich ist für uns nicht er­reich­bar (Kant). Viel­leicht, weil er eben stets ‚im Be­griff ist zu sein‘ und so kein po­si­ti­ves Sein hat, al­so: im­ma­te­ri­ell bleibt. Negativ.

Und ich blei­be da­bei: die­ser ‚Geist‘ hat kei­nen Wil­len; ist rei­nes Me­di­um, pu­rer Ver­mitt­ler. Ver­mit­telt zwi­schen bio­lo­gi­schem Kör­per und na­tür­li­cher Welt, i.F. „Na­tur­welt“, zwi­schen Den­ken und Han­deln, Vor­stel­len und Wil­le (Scho­pen­hau­er). Und (v)erschafft als ‚Zwi­schen‘ Lebenswelt.

Und man­che, weil sie Nicht-wis­sen-kön­nen nicht er­tra­gen kön­nen, ge­ben die­sem ‚Geist‘ ei­ne Ge­stalt: Gott. Na­tur. Kul­tur. Und ei­nen Wil­len, ein Ge­setz, ein letzt­end­li­ches Ziel be­kommt die­se Ge­stalt gleich mit. Und all dies sind je­doch eben nur ‚Hen­kel‘ (Fi­gal), mit de­nen sich un­ser Rech­nen der Welt hab­haft macht. Stel­len wir die­ses Rech­nen ein, be­schrän­ken uns völ­lig auf das Den­ken, al­so das Ver­neh­men des­sen, was ist, ver­schwin­det die Le­bens­welt zur Gän­ze. Da(s) ist die Na­tur des Men­schen: Reg- und ta­ten­los, al­so wil­len­los, ab­sichts­los, sitzt er da, ‚im Be­griff zu sein‘, al­so: im Wer­den. Wenn er nichts tut, wird er so ster­ben. Das ist, wie Nietz­sches „Wil­le zur Macht“ ‚ge­le­sen‘ wer­den kann — al­so Sinn ‚zwi­schen den Zei­len‘ her­aus­ge­pickt wie einst die Bee­ren im Wein­berg: der Mensch muss et­was tun, um zu über­le­ben. Er kann die­ses Tun un­ter­las­sen, doch dann stirbt er. Der Mensch muss et­was tun, ma­chen, mäch­tig, tä­tig sein, um zu über­le­ben. Von al­lein geht da gar nichts. An­ders eben als beim Tier, wel­ches über ei­nen sol­chen brem­sen­den, will mei­nen: wer­den­den ‚Geist‘, nicht ver­fügt. Für sich im­mer schon ist, und oh­ne sel­bi­gen eben weit­aus un­an­ge­streng­ter über­le­ben und sich fort­pflan­zen kann. Man könn­te fast mei­nen, der Mensch hat sich als Tier, wel­ches er ein­mal war, als völ­lig un­ge­eig­net er­wie­sen. Bis ‚Geist‘ in ihm ent­stand. Oh­ne je­nen wä­ren wir ver­schwun­den wie die Dinosaurier.

Ist der Mensch al­so nur ein Män­gel­we­sen (Geh­len), so be­trach­tet? Eher nicht, son­dern viel­mehr im Ge­gen­teil: Er ist mit ‚Geist‘ über­füllt. Die­ser ‚Geist‘, Aus­brem­ser des Le­bens, weil er den Men­schen im ‚im Be­griff sein‘ fest­hält. So ge­se­hen hält der ‚Geist‘ den Men­schen fest: ein fest­ge­stell­tes, an­ge­na­gel­tes Tier.

Und es ist eben der Wil­le, für uns ver­nehm­bar als Wol­len, der den Men­schen aus der Un­tä­tig­keit holt und ihn Klei­der ma­chen lässt, Fleisch ja­gen und ko­chen lässt, Hüt­ten bau­en lässt, etc. pp., ihn der Fest­stel­lung ent­hebt. Der Wil­le, z. B. als Hun­ger ver­nom­men, und das Wol­len, wel­ches ihn die nächs­te Pom­mes-Bu­de an­steu­ern lässt. Ge­nau­er: mit­tels des­sen er die­se an­steu­ert, Wahl ist Wahl, da beißt die Maus kei­nen Fa­den ab. Der Wil­le, me­ta­pho­risch, viel­leicht bud­dhis­tisch, ge­spro­chen: der Durst, ist es, der den Men­schen aus sei­nem ‚im Be­griff sein‘ her­aus­holt, ihn in Be­we­gung setzt, aus sei­ner Un­tä­tig­keit, Un­mäch­tig­keit, zu dem ihn die­ser ver­ma­le­dei­te ‚Geist‘ mit sei­nem ‚im Be­griff sein‘ ver­don­nert. Der Mensch muss sich ge­gen sei­nen ‚Geist‘ durch­set­zen, will er über­le­ben. Er braucht den Durst, sein ‚Geist‘ kä­me nie auf die Idee, et­was zu trin­ken. Wo­zu auch? Er ist ja „eh da“.

Und die­ser Durst ist eben ei­ne An­ge­le­gen­heit des Kör­pers, nichts nicht-Kör­per­li­ches, ‚Geis­ti­ges‘. Der ‚Geist‘ ist die Brem­se des Mo­tors, der Ant­ago­nist des Wil­lens. Und oh­ne die­se Brem­se, ein „geist­lo­ser Mensch“ al­so, wä­re ein Mensch, der sich selbst ver­zeh­ren wür­de, in un­er­sätt­li­cher Gier. Al­lein der ‚Geist‘ mit sei­ner Ma­ni­fes­ta­ti­on des Den­kens, des Ver­nünf­tig seins, des Ge­wahr wer­den kön­nens was ist, hält ihn da­von ab, die Er­de, sein Ha­bi­tat, bis zum letz­ten Trop­fen aus­zu­trin­ken, aus­zu­beu­ten — zu zerstören.

Mo­ment! Da stimmt doch was nicht! Mensch macht doch ge­nau das! Zu­min­dest ist er, Kli­ma­wan­del nur als ein Bei­spiel, auf dem bes­ten We­ge das Tier in ihm mehr und mehr zu ent­fes­seln, zu be­frei­en, zu ent­fal­ten – das Tier, es ist noch nicht fest­ge­stellt, der Hund noch nicht an der Lei­ne. Er ent­geis­tet sich, sein Wil­le bricht sich in un­ge­zü­gel­tem Wol­len Bahn. Die Ver­nunft ver­sagt, das gie­ri­ge Tier bricht her­vor, wie ein Leit­wolf stürzt es sich auf sein Lamm um es zu ver­til­gen, vom Hun­ger – Neu­ge­bo­re­ne ha­ben Hun­ger, der ge­stillt sein will, nicht Durst, der zu lö­schen wä­re – getrieben.

Ei­ne Ma­ni­fes­ta­ti­on die­ses Wol­lens ist der Ver­stand. Im­mer aus­ge­klü­gel­te­re Tech­ni­ken ver­schafft sich der Mensch mit ihm, um die Er­de, ach was: das Uni­ver­sum! sich Un­ter­tan zu ma­chen, um Herr zu sein in der Na­tur­welt — wenn sei­ne Le­bens­welt schon auf’s Sprach­li­che be­grenzt ist. Und da wird dann eben nicht mehr nach ir­gend­wel­cher Mo­ral ge­fragt, son­dern al­lein der Nut­zen ist der Maß­stab. Da steht er dann, im Jen­seits von Gut und Bö­se. Meint er. Tat­säch­lich: Mittendrin.

Will Mensch zu sei­ner Na­tur fin­den, kann er mehr ‚Geist‘ wa­gen. Nicht in Form dog­ma­ti­scher Kir­chen oder ent­fes­sel­ter Kunst noch sons­ti­ger kon­stru­ier­ter Ethi­ken und Äs­the­ti­ken, die ja letzt­lich auch nur Tech­ni­ken sind. Nein, in die­sem stil­len, oh­ne Ab­sicht sei­en­dem Da­sit­zen, Da­sein, ‚im Be­griff sein‘, die­sem … mo­ra­lisch sein, in­dem er sich so au­ßer­halb der Ethik von Gut und Bö­se hin­stellt, sich au­ßer­halb des Wi­der­spruchs be­gibt, da(s) ist sei­ne na­tür­li­che Kor­rek­tur — es braucht kei­nen Gott mehr, der kann tot sein. Der ent­fes­sel­te Ver­stand hin­ge­gen ge­hört nicht zu sei­ner Na­tur, er ist ein kul­tu­rel­les Gut. Die Evo­lu­ti­on hat ei­nen ver­nünf­ti­gen Men­schen her­vor­ge­bracht — doch er miss­ver­steht sich als ver­stän­di­ges We­sen. Und da er sich mit­tels des Ver­stan­des mit den Re­geln der Ra­tio­na­li­tät, des Nut­zens, des Ra­tio­nel­len im­mer wie­der auf’s Neue vor sich selbst recht­fer­ti­gen kann, wird sein „Wil­le zur Macht“ schließ­lich das Uni­ver­sum be­sie­gen. Und die Lo­gik gibt ihm Recht. Und reicht die nicht, ist’s die Gram­ma­tik, die ihn da­zu be­fä­higt. Passt auch das nicht, wird’s eben ei­ne Theo­lo­gie oder das rei­ne Glau­ben. Gott­ge­ge­ben, zu Recht verfertigt. 

Ob zu sei­nem Wohl, bleibt frei­lich da­hin­ge­stellt. Denn es ist leicht sich vor­zu­stel­len, wo­hin die­ser Sie­ges­wil­le – der aus nichts an­de­rem ge­bo­ren wird als aus der pu­ren Furcht vor dem nicht­tä­ti­gen, un­mäch­ti­gen Da­sein, weil dies für ihn den Tod be­deu­te­te – ra­di­kal zu En­de ge­dacht, füh­ren wird: Zur Selbst­be­herr­schung. Doch die­se ist dann eben ei­ne Selbstvernichtung.

„So ist die Na­tur des Men­schen, er ist sich selbst ein Wolf, Ho­mo ho­mi­ni lu­pus!“ (Hob­bes).

Nein. So ist sei­ne Kul­tur. Das ver­wirk­lich­te Mär­chen vom bö­sen Wolf und den sie­ben Gei­ße­lein. Oder je­nes vom Rot­käpp­chen und dem bö­sen Wolf. Nur den Jä­ger (w/d/m), der den Men­schen aus dem Bauch sei­nes Wolfs­eins be­freit, den gibt es nicht. Das müss­te ja ein ‚Über­mensch‘ sein, von ‚Oben‘ kom­men. Und so wird die­ses rea­li­sier­te Mär­chen dann kein gu­tes En­de fin­den. Im Ge­gen­satz zu dem, wel­ches er er­fun­den hat. Iro­nie des Schicksals.

Au­ßer (je)der Mensch ent­deckt in sich den Jä­ger. Sei­nen ‚Geist‘.

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