Rechenmaschine, die kein Laub recht. Foto: Crissy Jarvis | Unsplash

Turing-Test

Oder: Was macht ein Argument zwanglos zwingend besser?

Alan Turing stell­te sich 1950 die Fra­ge, wie man wohl fest­stel­len könn­te, ob ei­ne Ma­schi­ne, vom Com­pu­ter ist die Re­de, ein dem Men­schen gleich­wer­ti­ges Denk­ver­mö­gen ha­be und ent­wi­ckel­te den nach ihm be­nann­ten Test1⇣https://de.wikipedia.org/wiki/Turing-Test. In Zei­ten sog. künst­li­cher In­tel­li­genz ei­ne Fra­ge, die wir uns viel­leicht des öf­te­ren stel­len (soll­ten), wenn wir am Te­le­fon ein Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­blem lö­sen wol­len oder in ei­nem Chat in ei­ner Un­ter­hal­tung uns befinden.

Jürgen Habermas präg­te die Re­de vom »zwanglose[n] Zwang des bes­se­ren Ar­gu­ments«. Oh­ne nun mit die­sem gro­ßen Den­ker hier ar­gu­men­tie­ren zu wol­len, der be­stimmt dar­ge­legt hat, was aus sei­ner Sicht un­ter die­ser Sen­tenz be­grif­fen wer­den soll, fra­ge ich mich für mich: was macht ei­gent­lich ein Ar­gu­ment ‚bes­ser‘? Und wo kommt die Zwang­lo­sig­keit her? 

Ist es al­so denn schon aus­ge­macht, dass bei ei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on ein ob­jek­tiv (wann ge­nau ist et­was ‚ob­jek­tiv‘?) bes­se­res Ar­gu­ment wirkt — oder die Zu­stim­mung, die An­er­ken­nung ei­nes Ar­gu­ments als gut oder gar bes­ser als das ei­ge­ne, vom lo­gi­schen Ge­halt des Ar­gu­men­tes ab­hängt und nicht von ganz an­de­ren Be­din­gun­gen? (Ob ein Ar­gu­ment mir ein schlech­tes Ge­wis­sen be­rei­tet, bspw.)

»Der zwang­lo­se Zwang des bes­se­ren Ar­gu­ments« ist kei­ner, der lo­gisch be­gründ­bar wä­re — zu­min­dest für uns Men­schen nicht. Wä­re dem so, müss­ten wir al­le den Ar­gu­men­ten ei­ner lo­gi­schen Ma­schi­ne oh­ne wenn und aber fol­gen. Mit­hin wä­ren wir dann wohl selbst sol­che Ma­schi­nen bzw. wür­den uns dar­auf re­du­zie­ren. Was wohl nie­mand ger­ne ma­chen will bzw. mit sich ma­chen las­sen will. Oder?

Ist die Be­wer­tung von Ar­gu­men­ten für uns Men­schen nicht viel­mehr von der Sinn­haf­tig­keit, wei­ter ge­fasst: der Sinn­lich­keit, ei­nes Ar­gu­men­tes ab­hän­gig? Stim­men wir denn nicht je­nen Ar­gu­men­ten zu, die für uns je Sinn ge­ben? (oder auch: ein­fach nur (per­sön­lich) nütz­lich sind. Und „Nut­zen“ kann ja durch­aus als Sinn­grund her­an­ge­zo­gen werden.)

Es gibt be­stimmt ei­ne Viel­zahl ra­tio­na­ler Ar­gu­men­te, die für ein Tem­po­li­mit auf Au­to­bah­nen spre­chen oder für das ge­ne­rel­le Tra­gen von Mund-Na­sen-Schutz au­ßer­halb der ei­ge­nen vier Wän­de. Doch wer wird sol­chen Ar­gu­men­ten zu­stim­men (kön­nen), sich al­so zwang­los zwin­gen las­sen — da­von aus­ge­hend, dass wir al­le ra­tio­na­le We­sen sind?

Wohl nur je­ne, de­nen die Vor­stel­lung, al­le wür­den auf der Au­to­bahn mit max. 135km/h un­ter­wegs sein oder al­le wür­den au­ßer­halb pri­va­ter Be­rei­che ei­nen MNS tra­gen, ein aus wel­chen Grün­den auch im­mer ‚gu­tes Ge­fühl‘ be­schert — was durch­aus auch ra­tio­na­le, rein lo­gi­sche Grün­de sein können.

Doch die Ra­tio­na­li­tät ist nicht das Ent­schei­den­de für die Zu­stim­mung oder Ab­leh­nung ei­nes Ar­gu­men­tes, für das sich Zwin­gen las­sen. Das Ent­schei­den­de ist die Be­find­lich­keit, in die uns ein Ar­gu­ment zu ver­set­zen ver­mag. Weil es uns ein ‚gu­tes Ge­fühl‘ be­schert sa­gen zu kön­nen: „Al­le soll­ten max. 135 km/h auf der Au­to­bahn fah­ren, weil dies we­ni­ger CO2 be­deu­tet und das gut ist für uns al­le.“ oder „Al­le soll­ten au­ßer­halb der pri­va­ten Be­rei­che MNS tra­gen, weil das auf al­le Fäl­le be­deu­tet, dass sich we­ni­ger Men­schen an­ste­cken.“. Wir be­für­wor­ten sol­che Ar­gu­men­te nicht, weil wir mei­nen, sie sei­en lo­gisch glas­klar und al­so oh­ne­hin nicht an­greif­bar. Das ist es nicht, was die Zwang­lo­sig­keit ausmacht.

Nun, ja, klar, wer möch­te nicht, völ­lig un­ab­hän­gig vom in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten oder per­sön­li­chen Bil­dungs­grad ‚ob­jek­tiv‘ wie ein Gott sein und so für im­mer da­vor ge­schützt sein, Ar­gu­men­ten zu fol­gen, die mit ei­ner un­se­rer oder gar al­len un­se­ren Lo­gi­ken als falsch zu be­wer­ten ist? Das ist doch ein ver­lo­cken­des Ge­fühl, nichts mehr falsch ma­chen zu kön­nen, kei­nen lee­ren Ver­spre­chun­gen mehr zu fol­gen, weil man die­se als eben sol­che er­ken­nen kann. Nicht mehr an der Na­se her­um­ge­führt zu wer­den, weil die Falsch­heit der Ar­gu­men­te des An­de­ren völ­lig klar durch­schaut wer­den kön­nen? Ehr­lich, Hand hoch, wer das nicht möchte!

Wer Ar­gu­men­ten folgt tut dies nicht – das Pos­tu­lat, und mehr kann es nicht sein, sei wie­der­holt – weil ein Ar­gu­ment bes­ser wä­re als ein an­de­res, und das viel­leicht so­gar noch zwin­gend, je nach an­ge­wand­ter Lo­gik. Ar­gu­men­ten wird ge­folgt, weil sie ei­nem ein ‚gu­tes Ge­fühl‘ ge­ben. Da steckt die Zwang­lo­sig­keit und macht ein Ar­gu­ment zwin­gend besser!

Selbst beim al­ler­größ­ten Ra­tio­na­lis­ten (w/d/m) al­ler Zei­ten, wer im­mer das war, ist oder sein wird, ist das so — wenn nicht, müss­te ich da­von aus­ge­hen müs­sen, es nicht mit ei­nem Men­schen zu tun zu ha­ben. Oder mit ei­nem Men­schen, der ger­ne ei­ne Ma­schi­ne sein möch­te — bei­des sind für mich Vor­stel­lun­gen, die mir über­haupt kein gu­tes Ge­fühl be­sche­ren, eher ein mul­mi­ges Unbehagen.

Doch mit wel­chem Ar­gu­ment soll­te ich je­man­den da­zu be­we­gen kön­nen, sich nicht als Ma­schi­ne zu den­ken und zu ge­ben, wenn dies ihm doch ein ‚gu­tes Ge­fühl‘ gibt, aus wel­chen Grün­den auch im­mer? Nur wenn ich die­se Grün­de er­schüt­tern könn­te, den mehr oder we­ni­ger tie­fen Zwei­fel an der ei­ge­nen Über­zeu­gung we­cken könn­te, be­steht ei­ne Mög­lich­keit, das die­ser Mensch sei­ne Po­si­ti­on als nicht mehr so be­hag­lich emp­fin­det — und än­dern will, zu­nächst ein­mal. (Las­sen wir die Rich­tung die­ser Än­de­rung ein­mal au­ßer Acht.)

Die­se Er­schüt­te­rung der ei­ge­nen Grün­de ist es, was uns da­zu be­wegt, die Ar­gu­men­te der ei­ge­nen Po­si­ti­on zu über­den­ken. Und so kann ein durch­dach­tes ir­ra­tio­na­les Ar­gu­ment mehr be­wir­ken als ein durch­ge­styl­tes ra­tio­na­les. Wir sind näm­lich nicht nur ra­tio­na­le We­sen. Wir sind vor al­lem emp­fin­den­de We­sen. Die Ra­tio soll­ten wir da­zu ge­brau­chen, um zum Mond zu flie­gen. Nicht aber, um Ar­gu­men­te abzuwägen.

Und wenn wir das Für und Wi­der von Maß­nah­men in Si­tua­tio­nen ab­wä­gen, tref­fen wir un­se­re Ent­schei­dung, fin­den wir un­se­re Mei­nung, neh­men wir un­se­re Hal­tung ein — nicht, weil ir­gend­ei­ne Lo­gik uns da­zu zwang­los zwin­gen wür­de. Wir schau­en ein­fach nur, wo’s am we­nigs­ten ‚weh­tut‘. Dem fol­gen wir dann. Ganz zwanglos.

Al­ler­dings ist es nun auch so, dass wir lern­fä­hig sind. In die­ser Re­de über­setzt be­deu­tet dies, das wir schmerz­to­le­ran­ter wer­den kön­nen, mehr aus­hal­ten kön­nen, tougher wer­den, fit­ter. Ja, viel­leicht so­gar zur Ein­sicht kom­men, das man­cher ‚Schmerz‘ nur ein­ge­bil­det war, ei­ner Ge­wohn­heit fol­gend und nie über­dacht. Und dann auch Ar­gu­men­ten fol­gen kön­nen, die wir zu­vor als Un­mög­lich­keit ab­ge­lehnt ha­ben. Je­doch nicht, weil die­ses Ar­gu­ment nun plötz­lich ra­tio­na­ler wä­re als zu­vor. Oder wir klü­ger ge­wor­den wären.

Ein­fach nur, weil’s nicht mehr so ‚weh‘ tut. Das We­ni­ger an Leid ist’s, was ein Ar­gu­ment zwang­los zwin­gend bes­ser macht. Und da Ma­schi­nen nicht lei­den kön­nen – was frei­lich auch für den Men­schen ei­ne all­zu­mensch­li­che Ver­lo­ckung ist, die­se Vor­stel­lung des nicht lei­den kön­nens – kön­nen die­se auch nicht ei­nem Ar­gu­ment fol­gen, wenn es sich mit ih­rer ein­ge­bau­ten Lo­gik nicht er­schlie­ßen oder fol­gern, al­so: er­rech­nen, lässt. Und frei­lich hat das Er­geb­nis die­ser Rech­nung so­wohl ‚wahr‘ zu sein als auch ‚gut‘. Völ­lig objektiv.

Viel­leicht könn­te man die­sen Akt der An­pas­sung, die­se Ver­rin­ge­rung des Lei­des, ein­fach auch „Ein­sicht“ nennen?

Schau­en wir doch ein­mal so auf die ak­tu­el­len Er­eig­nis­se in Ber­lin und ja, auch hier in Land­au in der Pfalz. So­ge­nann­te Rechts­ex­tre­me ma­chen da auf sich auf­merk­sam und der ge­sun­de Men­schen­ver­stand fragt sich: „Was treibt die­se Leu­te an? Wes­halb er­ge­ben sie sich nicht den zwang­los zwin­gend bes­se­ren Ar­gu­men­ten ei­ner rechts­staat­li­chen Demokratie?“

Weil ih­nen die­se Ar­gu­men­te ‚weh‘ tun. Sie lei­den dar­un­ter. Und stem­men sich da­ge­gen, leh­nen sich da­ge­gen auf. Für sie, in die­ser Be­trach­tung hier, ist das al­les nur Weh und Ach. Auf der an­de­ren Sei­te, ei­ner nicht-rechts­ex­tre­men und des­halb noch nicht links­ex­tre­men, tun die Ar­gu­men­te Je­ner je­doch auch weh. Auch da wird sich ge­wehrt und da­ge­gen gestemmt.

Wie soll da, bei so­viel ‚Schmerz‘ auf al­len Sei­ten, ir­gend­ein Ar­gu­ment noch zwang­los Zwin­gen können?

Die Tech­nik der rechts­ex­tre­men Vertreter/innen ist doch recht klar: Sie ver­su­chen die Grün­de der An­de­ren zu er­schüt­tern. Um so eben ih­re Ar­gu­men­te zwang­los zwin­gend wer­den zu las­sen. Letzt­lich geht es Ih­nen wohl dar­um, we­ni­ger zu Lei­den. Wer will ih­nen das verübeln?

Wo aber nun kommt die­ses Leid Je­ner denn her? Ja, man könn­te sie fra­gen — doch emp­fin­den sie sich denn über­haupt als lei­dend? Sind sie nicht schon in je­ner Stu­fe der Lei­dim­mu­ni­sie­rung an­ge­kom­men, wo die ideo­lo­gi­sche Über­zeu­gung das Leid über­tönt, be­täubt, und das Leid auf An­de­re pro­ji­ziert wird, den Frem­den, dem An­ders­sein an sich und sich so ver­meint­lich des Leids ent­le­digt wird? Doch sind denn die­se Men­schen nicht auch schon an­ders, schon al­lein des­halb, weil je­der Mensch an­ders ist als al­le an­de­ren? Lei­den sie viel­leicht im Grun­de an ih­rem An­ders­sein? Ei­nem An­ders­sein, dass es ih­nen nicht er­mög­licht in die­ser Ge­sell­schaft Gel­tung zu er­lan­gen? Ei­nem An­ders­sein, das es ih­nen nicht mög­lich macht, im „Main­stream“ mit­zu­schwim­men? Ei­nem „Main­stream“ der vor al­lem auf Gel­tung auf­baut? In der nur Je­ne zäh­len, die Leis­tung er­brin­gen kön­nen, zum Bei­spiel? Die mit der neu­es­ten Tech­nik zu­ran­de kom­men? Die mit den Wen­dun­gen der Zeit­läuf­te kei­ne Mü­hen ha­ben? Die nicht mei­nen ih­re Wür­de zu ver­lie­ren, wenn sie nicht be­deu­tend sind?

Des Ex­tre­mis­mus Grün­de zu er­schüt­tern könn­te wo­mög­lich be­deu­ten, nicht je­ne mit bes­se­ren Ar­gu­men­ten über­zeu­gen zu wol­len. Son­dern de­ren Leid zu se­hen, de­ren tat­säch­li­che oder nur in­di­vi­du­el­le emp­fun­de­ne Ab­ge­hängt­heit vom „Main­stream“.

Viel­leicht kom­men sich die­se Men­schen ein­fach nur noch wie Ma­schi­nen vor, wie Mit­tel, de­ren Zweck nicht an­er­kannt wird. Die Ta­bu­brü­che und An­grif­fe ge­gen den de­mo­kra­ti­schen Rechtsstaat
er­schei­nen dann nur noch als de­ren Mit­tel: Sie ver­gel­ten Leid mit Leid und kom­men so zur Gel­tung. Ih­nen selbst kann das wo­mög­lich als Wür­de erscheinen.

Viel­leicht rech­nen die­se Men­schen ein­fach so. Und je­ne, die die­se Ab­ge­häng­ten aus­nut­zen und ei­ne ganz an­de­re Rech­nung im Kopf ha­ben, je­doch vom glei­chen Bild der Be­deu­tungs­lo­sig­keit mo­ti­viert sind, auch.

Mir scheint es nur we­nig Sinn zu ge­ben, ein­fach ei­ne Ge­gen­rech­nung auf­zu­ma­chen und sie ge­gen­über Je­nen als die bes­se­re hin­zu­stel­len. Doch ein Erd­be­ben in de­ren Grün­de ver­mag ich auch nicht aus­zu­lö­sen. Und so ste­he auch ich rat- und fas­sungs­los vor und in den Er­eig­nis­sen und kann nur auf ei­ne Er­schüt­te­rung warten. 

Lei­der.

Re­fe­ren­ces
1 https://de.wikipedia.org/wiki/Turing-Test

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