Kosmos durch Einzelheiten Foto: Clem Onojeghuo | Unsplash

Eine neue Weltordnung?

Über Archipele und Architekten, über Anarchie und Archäologie. Über das Erste.

Vie­le re­den in die­sen Zei­ten von ei­ner neu­en Nor­ma­li­tät, die kom­men wird. Doch ist denn Nor­ma­li­tät nicht stän­dig ei­nem Wan­del un­ter­wor­fen? Ist das Auf­kom­men ei­ner so­ge­nannt neu­en, letzt­lich nicht nur der Wan­del der ei­nen Nor­ma­li­tät in ei­ne an­de­re Form und da­mit völ­lig nor­mal? Wie auch wir, wenn wir in den Spie­gel schau­en, zwar stets den sel­ben, doch nie den glei­chen Men­schen se­hen. Man­che Nor­ma­li­täts­flüs­se sind sehr lang­sam, ei­nem Mount Ever­est sieht man die ste­te Ver­än­de­rung nicht so an wie ei­ner Kirsch­blü­te in ih­rem Wer­den und Ver­ge­hen — die­ses Ver­ge­hen, das ein Wer­den ist. Und dann gibt es ra­send schnel­le Nor­ma­li­täts­wech­sel. Bör­se, Hoch­fre­quenz­han­del: In Bruch­tei­len ei­ner Se­kun­de sind völ­lig an­de­re Be­din­gun­gen mög­lich, un­ter de­nen ge­kauft und ver­kauft, ge­han­delt wird. An­de­re Nor­ma­li­tä­ten, eben.

Wir wol­len Ord­nung in der Welt, sie soll für uns in Ord­nung sein. So dass wir ori­en­tiert sind, wis­sen wo wir ste­hen, zu­al­ler­erst. Pla­nen kön­nen wo’s hin­ge­hen soll in nach­ge­ord­ne­ter Rang­fol­ge. Oder auch um­ge­kehrt. Doch wenn wir nicht wis­sen wo wir ste­hen, wis­sen wir auch nicht wie wir zum Ziel kom­men kön­nen. Und Hier­ar­chien ge­ben uns ei­ne Ord­nung im Kos­mos. Ja, mehr noch: Mit Hier­ar­chien bau­en wir über­haupt un­se­ren Kos­mos, un­se­re Ord­nung. Brin­gen Welt in ei­ne Ord­nung. Ge­ben ihr Struk­tur. Ma­chen sie uns hand­zahm oder eben zu­han­den, wie das Mar­tin Hei­deg­ger wohl ge­sagt hät­te. Ma­chen sie uns Un­ter­tan, wie es wohl die Bi­bel befiehlt.

Ger­ne ge­ben wir die­ser Struk­tur dann auch ei­ne Ord­nung im Sin­ne ei­ner Rei­hen­fol­ge. Wer ist zu­erst, wer steht zu­oberst? Was ist wich­tig, was ist un­wich­tig? Wer ist wich­tig, wer nicht? Men­schen­freund­li­cher for­mu­liert, Wich­tig­keit al­len zu­schrei­bend: Wer ist wich­ti­ger als Andere?

Im Mo­ment ist der Boss, das Wich­tigs­te in un­se­rem Le­ben, über den ge­sam­ten Glo­bus hin­weg, das mas­sen­haf­te Auf­tre­ten ei­nes Vi­rus, der je­dem und je­der von den Uns­ri­gen et­was be­sche­ren kann. Ei­ne In­fek­ti­on, die kei­nen oder den Ef­fekt ei­ner Krank­heit ha­ben kann, die wohl in der deut­li­chen Mehr­heit der Fäl­le mit schwa­chen bis mä­ßi­gen Sym­pto­men ein­her­geht. Doch die auch mit dem Tod en­den kann, wenn be­stimm­te Be­din­gun­gen im Wirt er­füllt sind, wo­mög­lich auch um die Wir­tin her­um. Ist das vi­ra­le Ge­sche­hen der Boss?

Scheint nicht eher der Tod wie­der ein Meis­ter in Deutsch­land zu sein? Der Prin­zi­pal. Der Chef. Der Vor­stands­vor­sit­zen­de. Der, der be­stimmt wo’s lang­geht. Dem Tod kommt bi­bli­sche Got­tes­macht zu, könn­te man fast sa­gen. In ge­wis­ser Wei­se un­ter­wirft er uns sei­nem Wil­len, der da ge­schieht, ob wir es wol­len oder nicht. Brem­sen kön­nen wir die­se gött­li­che Macht. Doch ster­ben müs­sen wir al­le. Da ist kein Verhandlungsspielraum.

Das macht die Fra­ge nach der Hoff­nung auf, denn so be­trach­tet ist das sich zei­gen­de Bild doch ein recht ver­zwei­fel­tes. Nun kön­nen wir frei­lich hin­ge­hen und durch ge­schick­te Mul­ti­pli­ka­ti­on das Vor­zei­chen der Ver­zweif­lung um­keh­ren: Aus der Apo­ka­lyp­se wird das Pa­ra­dies, Ar­chi­pel der Won­ne. Doch das ist ty­pisch für ein Den­ken, wie wir es mit mit ei­nem Wort­ge­bil­de wie „Ent­we­der-Oder-Dik­ta­tur“ be­schrei­ben kön­nen. Die Welt, wie sie ist, geht un­ter oder wird zur Al­ler­bes­ten al­ler best­mög­li­chen Wel­ten. Ein Da­zwi­schen gibt es nicht. Die Ka­ta­stro­phe kommt und dann springt der Zu­stand der Welt von Un­be­stimmt auf Apo­ka­lyp­se und von Apo­ka­lyp­se auf Pa­ra­dies. Oder gleich auf Pa­ra­dies, oh­ne Apo­ka­lyp­se. Ist ja auch läs­tig, so ei­ne Apo­ka­lyp­se. Die­se Ent­schleie­rung, wenn das Wort nur über­setzt wird. Dann lie­ber gleich ne­ben den Göt­tern, pa­ra diés, wei­len. Nur dort sind sol­che Wort­spie­le­rei­en möglich.

Das Ver­schwin­den der Welt, wie wir sie ken­nen, ihr Un­ter­gang, ist ein völ­lig nor­ma­ler Vor­gang in der Welt, den wir tag­täg­lich be­ob­ach­ten kön­nen. Die Son­ne geht auf, das Pa­ra­dies ist da, die Son­ne geht un­ter und mit ihr die Welt, wie wir sie kann­ten. Am Frei­tag ver­schwin­det ei­ne gan­ze Wo­che in ei­nem Ab­grund aus pu­rem Nichts und ein strah­len­des Wo­chen­en­de steht in Aus­sicht. Bis Mon­tag, wo die Apo­ka­lyp­se wie­der ihr Werk ver­rich­tet und ein Pa­ra­dies oder auch ei­ne ganz nor­ma­le Welt in Stü­cke reißt. Oder auch nicht. Es kommt ja im­mer d’rauf an, doch das Prin­zip steht. Am An­fang des Früh­jahrs er­freu­en wir uns an den auf­ge­hen­den Blü­ten, die zu Be­ginn des Som­mers schon wie­der ver­schwun­den sind. Und wenn im Herbst die letz­ten Früch­te vom Baum ge­fal­len sind, ist die Welt für ei­ne Zeit ei­ne voll­kom­men an­de­re, es herrscht die Nor­ma­li­tät des Winters.

Und wir ge­ben die­sem all­täg­li­chen Wan­del ei­ne Hier­ar­chie. Für die Ei­nen steht der Früh­ling an ers­ter Stel­le, für die An­de­ren ist es der Win­ter, der das gan­ze Jahr be­stimmt. Für Bau­ern ist es be­stimmt der Herbst und für die Son­nen­hung­ri­gen mag es wohl mehr­heit­lich der Som­mer sein.

Doch ne­ben die­ser hier­ar­chi­schen Wei­se, in der die Ord­nung ei­ne Rang­ord­nung ist, se­he ich noch ei­ne an­de­re Mög­lich­keit, ei­nen Kos­mos zu bau­en. Ich nen­ne sie „He­terar­chie“. Und die­se He­terar­chie, sie hat viel mit Hoff­nung zu tun. Nein, nicht mit je­ner Hoff­nung, die ein „Al­les wird gut“ zur Pflicht macht. Es ist ein Ver­ständ­nis von Hoff­nung, die die Er­war­tung, die das Hof­fen re­prä­sen­tiert, auf Of­fen­heit stellt. Wort­bild­lich ge­stal­tet: Ei­ne Ver­stän­dig­keit, viel­leicht kann auch ge­sagt wer­den: ei­ne Ver­nunft, die das „H“ im Hof­fen raubt, ver­schluckt. Es ver­un­mög­licht das pa­ra­die­si­sche „Al­les ist gut“ in kei­ner Wei­se, macht es je­doch eben nicht zur ver­zwei­fel­ten Pflicht. Es ist ei­ne Hoff­nung der Wahl­mög­lich­keit. Der Al­ter­na­ti­ven­fül­le. Der Freiheit.

In He­terar­chie steht das An­ders­sein, Fremd­sein, Un­gleich sein, Ver­schie­den sein, kul­mi­nie­ren wir es im No­men „das Frem­de“, an ers­ter Stel­le. Nein, so kann das gar nicht ge­sagt wer­den. Denn in He­terar­chie gibt es kein Ers­tes oder Letz­tes mehr, denn in der Grund­idee ist He­terar­chie ei­ne Hier­ar­chie mit der Los­grö­ße 1, Ers­tes und Letz­tes fal­len in Eins. Na­tür­lich bleibt das ‚ICH‘, das Ego, auch hier, um die­ses kom­men wir doch eh’ nicht her­um, oh­ne Ers­tes geht es nicht. Doch in He­terar­chie ist die­ses ‚ich‘ stets im An­blick von An­de­rem, zu de­nen auch An­de­re ge­hö­ren. Es ist ein Selbst. Der Kö­nig oder die Kö­ni­gin hat nur ge­nau ei­nen Un­ter­ta­nen, sich selbst. Das Prin­zip der Rang­ord­nung, der Macht und Mäch­tig­keit bleibt er­hal­ten, denn der Un­ter­tan hat sei­ne Ob­rig­keit, dar­an än­dert sich gar nichts. Nur der Be­zugs­rah­men, der Wirk­sam­keits­raum der Macht, der ist, nun ja, un­we­sent­lich klei­ner. Man ist sich in He­terar­chie so­zu­sa­gen selbst Herr wie Knecht. Das ist frei­lich ein Pa­ra­dies. Denkt Jede/r nur an eine/n Andere/n, ist an al­le ge­dacht. Doch je­des Pa­ra­dies braucht sei­ne apo­ka­lyp­ti­schen Rei­ter oder leck’ren Äp­fel, sonst ist es nur ei­ne stink­nor­ma­le, lang­wei­li­ge Welt, ei­ne öde Ord­nung oh­ne die Span­nung der Dif­fe­renz. Oh­ne die Be­wirt­schaf­tung der Apo­ka­lyp­se ist der Ver­kauf ei­nes Pa­ra­die­ses qua­si un­mög­lich. Man könn­te das auch Lan­ge­wei­le­kul­ti­vie­rung nennen.

In die­sem Ge­dan­ken­spiel gibt es kei­ne apo­ka­lyp­ti­schen Rei­ter, son­dern nur et­was, das oh­ne Lob und Ta­del ist: Das Frem­de. Eben nicht der oder die Frem­de, nein: das Frem­de. Dem Frem­den wird Ach­tung ge­währt, weil es uns zu ent­schlei­ern ver­mag und kein Ge­wicht oder ei­ne Mäch­tig­keit zu­ge­schrie­ben, weil es uns be­herr­schen könn­te. Die Macht des Frem­den ist, dass es mit uns et­was ma­chen kann, weil wir da­mit et­was ma­chen kön­nen. Uns ver­än­dern. Die Nor­ma­li­tät ins Flie­ßen brin­gen. Das ist das Prin­zip des Fremden.

In He­terar­chie le­bend, le­ben wir nicht un­ter ei­nem Joch des Frem­den. Wir le­ben mit dem Frem­den. In He­terar­chie ist uns das Fremd­sein ver­traut. Es be­darf gar kei­ner Rang­ord­nung, weil kei­ne Furcht vor dem Frem­den exis­tiert. Das Frem­de ist ein Gast, dem wir mit Freund­lich­keit be­geg­nen. Wir fol­gen der Ma­xi­me der Gast­freund­schaft. Was in kei­ner Wei­se meint, der Gast sei Kö­nig und kön­ne tun und las­sen, was er oder sie möch­te. Wir le­gen dem Gast kei­ne Welt zu Fü­ßen, stel­len ihn auf kei­nen So­ckel, er­he­ben ihn nicht, ge­nau­so we­nig wie wir ihn er­nied­ri­gen. Wir er­war­ten von un­se­rem Gast, dass er/sie sich an die Re­geln hält. Denn es ist un­ser Haus, in dem er weilt. Und in die­sem Haus gel­ten un­se­re Re­geln. Be­gibt man sich als Gast in He­terar­chie, so weiß man sich als Gast zu be­neh­men. Meint man in He­terar­chie die oder der Obers­te sein zu wol­len oder zu kön­nen, als Gast oder Gastgeber/in, nun, so wird man als­bald zu spü­ren be­kom­men, das Gast­freund­schaft neh­mend wie ge­bend sei­ne Gren­zen hat. Ein­ge­hegt ist. In gu­te Sitten.

Wenn die Vi­ren­din­ger das nur wis­sen könn­ten! Doch es sind eben Din­ger, die­se Vi­ren, und kei­ne Le­be­we­sen. Krieg ge­gen Stei­ne füh­ren? Wo­zu? Sie fürch­ten? Wes­halb? Mit den Stei­nen um­ge­hen. Häu­ser da­mit bau­en. Auch wenn’s beim Bau töd­li­che Un­fäl­le ge­ben kann. Das Le­ben ist ei­ne Bau­stel­le. Und das es auf ei­ner Bau­stel­le heu­te an­ders aus­sieht als ges­tern und mor­gen an­ders als heu­te, das ist nor­mal. Das Bauarbeiter/innen kom­men und ge­hen, die ei­nen un­auf­fäl­lig, die an­de­ren mit gro­ßem tra­gi­schem oder ko­mi­schem Dra­ma, ist nor­mal. Ei­ne Bau­stel­le, die je­den Tag ei­ne an­de­re Nor­ma­li­tät hat, wo das Nor­ma­le fließt und nicht er­starrt ist, das ist völ­lig nor­mal. Kein Mensch stört sich dar­an, ja: wir er­war­ten das so­gar. Und selbst die Sta­tik ei­nes Hau­ses ist dem Wan­del der Zeit un­ter­wor­fen. Frei­lich hof­fen wir hier auf ei­ne lan­ge Dau­er, ei­nem lang­sa­men Fluss der Nor­ma­li­tät. Wir wol­len ja lan­ge dar­in woh­nen. Be­vor es in sich zu­sam­men­fällt. Wenn es über­haupt je fer­tig ist. Und nicht am an­de­ren En­de wie­der an­ge­fan­gen wird, wenn der ei­ne An­fang ge­ra­de fer­tig ge­wor­den ist.

Aber, Ach!, wir le­ben nach wie vor hier­ar­chisch, ru­fen nach den Architekt_innen, die uns sa­gen, wie das Haus ge­baut wer­den soll und wer­den das wohl auch wei­ter­hin tun. Weil wir das Frem­de fürch­ten, das kei­nen-Plan-ha­ben, das nicht-Wis­sen-kön­nen; so sind wir nun mal, die ei­nen mehr, die an­de­ren we­ni­ger. Doch es wird wohl
Je­dem und Je­der mul­mig, die oder der in stock­dunk­ler Nacht auf die­ser gi­gan­ti­schen Bau­stel­le steht, mit all den Gru­ben und Stol­per­mög­lich­kei­ten, den ros­ti­gen Nä­geln und wa­cke­li­gen Bau­stoff­tür­men. Und das nur mit ei­ner Fa­ckel aus­ge­stat­tet, die ei­nen klei­nen Um­kreis fahl aus­leuch­tet und ei­ner in­ne­ren Stim­me lau­schend, die da sagt: „Geh! Wei­ter!“ Sonst: Stil­le. Da wird dann ger­ne ei­ne frem­de Macht, ei­ne über-Macht, zur Che­fin der Bau­stel­le ge­macht und ihr zu­ge­schrie­ben, ei­nen Plan zu ha­ben. Frei­lich nur bis zum nächs­ten Mor­gen. Und dann wie­der mit der nächs­ten Nacht.

Das Frem­de ist doch: Das Un­be­kann­te. Das Un­be­stimm­te. Auch bis hin zum Unbestimmbaren?

Nein. Dann stün­de ein Kon­zept ‚Gott‘ an ers­ter Stel­le. Et­was, das die Un­be­stimm­bar­keit in ein Be­stimm­tes wan­delt, wel­ches uns dann über­haupt nicht fremd ist. He­terar­chie ist kei­ne Mon­ar­chie oder An­ar­chie. Es ist ei­ne Art Ar­cheo­lo­gie. Nein, kein Schreibfehler.

Und die Vi­ren? Ur­alte Din­ger, mit de­nen wir um­zu­ge­hen ha­ben. Auch wenn es uns be­frem­den mag.

(Auch ver­öf­fent­licht auf Arzhei­mer Netz­werk)

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