Was ist der Grund des Fundamentes? Foto: Christoph-Konitzer | pixelio.de

Ein Haus braucht ein Fundament

Was kann bleiben nach Corona?

Ich bin auf dem Bo­den mei­ner Über­zeu­gun­gen angelangt.
Und von die­ser Grund­mau­er könn­te man bei­na­he sagen,
sie wer­de vom gan­zen Haus getragen.

Lud­wig Wittgenstein

Es sind be­weg­te und für man­che be­stimmt auch be­we­gen­de Zei­ten. Ich zäh­le mich da durch­aus zu den Letz­te­ren mit da­zu, aus rein in­di­vi­du­el­len und letzt­lich per­sön­li­chen Grün­den. Ich zie­he für mich ein zu­frie­den­stel­len­des Fa­zit: So­weit ich das zu die­sem Zeit­punkt über­bli­cken kann, hat mir die Aus­nah­me­si­tua­ti­on, in der sich Land­au – mein Wohn­ort in der Pfalz – und der Rest der Welt be­fin­det, durch­aus et­was ge­bracht. Ahh, das ist jetzt zu ge­wagt und ei­tel. Um­ge­kehrt: Die Welt und da­mit auch Landau.

Und so liegt ei­ne Fol­ge­rung na­he, die be­stimmt der Ei­ne oder die An­de­re auch als Ge­dan­ken in sich vor­ge­fun­den hat: Dass 

ganz si­cher nichts mehr so sein wird, wie es vor­her war

Nun, ich selbst bin sol­chen Welt­ver­än­de­rungs­em­pha­sen – still­schwei­gend ist ja be­reits vor­aus­ge­setzt, dass es bes­ser wird – über­haupt gar nicht ab­ge­neigt. Ich bin mir je­doch ehr­lich ge­sagt nicht so ganz si­cher, ob es im Da­nach die­ses Mo­men­tes wirk­lich an­ders sein wird. Ich kann mir mit glei­cher Ein­dring­lich­keit vor­stel­len, dass wir ganz rasch wie­der in un­se­re al­ten, ge­wohn­ten Mus­ter fal­len und al­les so wei­ter­geht, wie es vor­her war. Der ‚Im­pact‘, der Im­puls des Mo­ments sich al­so ver­flüch­tigt, oh­ne nach­hal­ti­ge Wir­kung. Viel­leicht bleibt bei ei­ni­gen We­ni­gen ein an­de­res Be­wusst­sein. Doch bis ein sol­ches Be­wusst­sein sich in der Ge­sell­schaft aus­ge­rollt hat, wer­den wohl Jahr­zehn­te, viel­leicht gar Jahr­hun­der­te, ver­ge­hen. Und bis da­hin ist das Po­ten­ti­al, das sich uns da der­zeit of­fen­bart, wahr­schein­lich schon wie­der ver­ges­sen. Die Eu­pho­rie war beim En­de der deut­schen Tei­lung auch enorm. Doch, ich bin auf­rich­tig: Wo sind sie denn, die blü­hen­den Land­schaf­ten? Nach drei­ßig Jah­ren ist in vie­len Köp­fen doch im­mer noch „Ost“ und „West“, mit mehr oder we­ni­ger ein­deu­ti­gen Konnotationen.

Der Mensch ist ein Ge­wohn­heits­tier und vom Ge­wohn­ten nur schwer ab­zu­brin­gen. Ja, man könn­te da et­was Evo­lu­tio­nä­res da­hin­ter ver­mu­ten, ei­ne „Macht der Ge­wohn­heit“, eben — auch dort wird es ei­ne hel­le und ei­ne dunk­le Sei­te ge­ben. Der Sei­ten­blick ins »Star Wars«-Universum sei hier erlaubt.

Will sich nun, ich wen­de mich mal der hel­len, lich­ten Sei­te zu, nach­hal­tig et­was än­dern, al­so neue Ge­wohn­hei­ten ent­ste­hen, wird das, so den­ke ich, viel mit der Fä­hig­keit zur Of­fen­heit, mit der Fä­hig­keit zum nicht-Wis­sen-kön­nen, mit der Be­reit­schaft zur Un­schär­fe und Un­be­stimm­bar­keit zu tun ha­ben (müs­sen?). Erst wenn Mensch mu­ti­ger ge­wor­den ist und sich „blank“, al­so (ganz?) oh­ne tech­ni­sche Hin­ter­tür­chen, (wie­der?) auf das Un­be­stimm­ba­re ein­las­sen kann, den Mut zum Selbst­ver­trau­en (wie­der?) wagt, könn­te sich ei­ne Ver­än­de­rung ein­stel­len, ein an­de­res Be­wusst­sein in der Ge­sell­schaft aus­rol­len — und nicht nur von ei­ni­gen We­ni­gen wir­kungs­los ge­pflegt wer­den; eher so im Sin­ne der Kon­ser­vie­rung für die nächs­te Ge­le­gen­heit, bei der es dann be­stimmt end­lich klappt mit der längst über­fäl­li­gen Revolution.

Ei­nen Wan­del in der Ge­sell­schaft – und wel­cher ver­nünf­ti­ge Mensch will ihn nicht, an­ge­sichts des Wan­dels des Kli­mas – wird, fol­ge ich mei­nem Ge­dan­ken wei­ter, wohl erst ein­tre­ten kön­nen, wenn „Si­cher­heit“ nicht mehr „von au­ßen zu­ge­kauft“ wird, z.B. durch tech­ni­schen Fort­schritt, oder „von in­nen kon­stru­iert“ wird, z.B. durch ver­schärf­te Über­wa­chung. Und wohl erst recht nicht durch ei­ne Kom­bi­na­ti­on von beidem.

Son­dern in ei­nem wei­ten Sin­ne aus ei­nem Selbst­ver­trau­en ent­steht, wel­ches sich aus der ak­tu­el­len be­son­de­ren Si­tua­ti­on ge­ne­riert und viel­leicht aus je­der au­ßer­ge­wöhn­li­chen Si­tua­ti­on ge­bo­ren wer­den soll­te, ge­bo­ren wer­den kann. Was dann wohl ei­ner Re­ge­ne­ra­ti­on gleich­kä­me. Ei­ner Re­ge­ne­ra­ti­on von Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, Ge­wohn­hei­ten. Und frei­lich meint das Wort „Re­ge­ne­ra­ti­on“ nicht ei­ne Wie­der­her­stel­lung des Alt­her­ge­brach­ten. Es will eher ver­stan­den wer­den als Ge­ne­ra­tor für ein No­vum. Das „Re“ will sich al­so auf das aus „Re­no­vie­rung“, der Er­neue­rung, be­zie­hen. Das „Re­ge­ne­ra­ti­on“ hat sich in den Ge­dan­ken ein­ge­schli­chen, den ich hier aus­rol­len las­se, weil es so gut zum Wort „Ge­ne­ra­tor“ passt. Und der Aus­nah­me­zu­stand, den wir er­le­ben, neh­me zu­min­dest ich auch als Ge­ne­ra­tor wahr.

Ja, die­se Si­tua­ti­on er­zeugt in mir ein an­de­res Den­ken, ein an­de­res Welt­ver­ständ­nis, ein an­de­res Selbst­ver­ständ­nis. Es ist un­ge­wohnt. Ich er­le­be mich an­ders. Doch ich übe mich in Of­fen­heit. Und be­mer­ke da­bei ein Wie­der­erwa­chen von et­was, das ich erst jetzt be­mer­ke, dass es mir ab­han­den ge­kom­men war, ob­gleich ich fest dar­an glaub­te, über es zu ver­fü­gen: Vertrauen.

Was ich für Ver­trau­en hielt und wor­an ich ge­wöhnt war, war Si­cher­heit. In ge­wis­sem Sin­ne: nicht-Ver­trau­en. Und ich mer­ke, dass ich mich dar­an, an die ei­gent­li­che Ant­wort auf Un­si­cher­heit, erst wie­der ge­wöh­nen muss.

Muss? Nicht wirk­lich. Kann. Ja, das ist es. Ich kann. So­wohl vom Ver­mö­gen her als auch von der Mög­lich­keit aus. Ob es die Ge­sell­schaft als gan­zes, die Land­au­er, die Rhein­land-Pfäl­zi­sche, die Deut­sche, die Eu­ro­päi­sche, die Welt­ge­sell­schaft kann, weiß ich nicht. Doch da ist es eben, ich kann es nicht über­se­hen: Ver­trau­en. Aus dem ein Zu­trau­en er­wächst. Ja, ich traue es den Men­schen, ich wa­ge mal ein gro­ßes Wort: der Mensch­heit, zu, dass sie es wa­gen, sich vom Kopf auf die Fü­ße zu stel­len und da­bei et­was noch nie Da­ge­we­se­nes ge­bo­ren wird.

Ob es et­was nüt­zen wird, die­ses Zu­trau­en? Wer wagt, ge­winnt, heißt es ja so schön. Wä­re dann mal ein ganz an­de­res Ka­pi­tal, das sich da auf­bau­en kann. Und die­ser Auf­bau könn­te wo­mög­lich schon in ein, zwei Jah­ren be­gin­nen und für Jede/n deut­lich spür­bar werden.

Oder ist uns da ein Ka­pi­tal doch nur schlicht in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten? Dann passt die Re­ge­ne­ra­ti­on frei­lich doch.

(Auch ver­öf­fent­licht auf Arzhei­mer Netz­werk)

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