Atelier

Wo gehobelt wird, fallen Texte an

Die Arbeit an der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit in der Architektur –
eigentlich mehr die Arbeit an Einem selbst. An der eigenen Auffassung.
Daran, wie man die Dinge sieht. (Und was man von ihnen verlangt.)

Ludwig Wittgenstein

Kern aller Kunst ist es,
des Künstlers Blick zu zeigen.

Helge Hesse

Die Atmosphäre meiner Tätigkeit nenne ich Atelier1↓»Das frz. Substantiv bezeichnet seiner Bildung nach einen Ort, wo viele Späne sind, bedeutet daher ‘Haufen Späne’, dann ‘Arbeitsplatz der ...weiter lesen und mich verstehe ich als einen Atelier, das meint so etwas wie einen tätigen Privatier. Das Atelier ist Selbstzweck. Somit handelt es sich um ein/en Selbstzweckatelier. Die Frage ist nun, was so ein Atelier denn macht, wenn er – oder sie, freilich – nicht so eine Art Hausmeister ist?

(In seinem) Atelier sein und fragen „Was soll ich tun?“. Und dabei immer wieder nur eine schlüssige Antwort findet: Anfangen.

Und zumeist sogleich auf eine zweite Frage trifft, zumindest so lange er ein Ziel vor Augen hat: „Was kann ich wissen?“.

Was ihn in eine Art Verzweiflung stürzt, weil er im Grunde weiß, das er nicht weiß, das aber nicht kann, dieses nicht wissen können.

Also fragt er sich: „Was darf ich hoffen?“. So wird die Erwartung auf Offenheit gestellt und in ihm scheint die nächste Frage auf: „Was ist der Mensch?“.

Und er sieht in klarem Licht, dass er diese Frage nur beantworten kann, wenn er etwas tut. Die Frage ist nur…

Was soll ich denn jetzt tun?
Was kann ich denn überhaupt wissen?
Und was darf ich jetzt hoffen?
Was bin ich eigentlich für ein Mensch?

Tja, wenn Jede/r das wüsste, wüsste Jede/r, was er/sie/es tun soll und bräuchte nicht mehr zu hoffen.

Das Pendel des Geistes schwankt zwischen Sinn und Unsinn,
nicht zwischen richtig und falsch.

Carl Gustav Jung

Mir geht’s nicht um’s Rechthaben, mir geht’s um’s: wie kann ich’s anschauen? Mir geht’s nicht um Wahrheit, mir geht’s um Wirklichkeit.

Mich interessiert also nicht, ob etwas wahr ist oder falsch, sondern welche Wirklichkeit es gerade hat und welche Wirklichkeiten es haben kann.

Zum Beispiel kann ja die Frage gestellt werden, ob die Existenz Gottes eine Wirklichkeit Gottes ist. Und nicht ob diese Voraussetzung der Theologien wahr ist oder falsch. Gott ist bei mir also nicht tot, sondern es stellt sich die Frage nach (irgend)einer Wirklichkeit Gottes. Eine solche Frage setzt nicht unbedingt die Existenz Gottes voraus. Die Existenz einer Idee davon reicht schon völlig, um Wirklichkeiten dieses Gottes zu generieren. So kann es Gott geben, ohne dass es es wirklich gibt. Funny, isn’t it?

‚Die Wahrheit‘ ist ein anderes Wort für das Ganze, welches notwendigerweise weder Grenze noch Rand2↓Rand ist ein Spezialfall der Grenze: Der Rand grenzt an nichts. Doch „Nichts“ gibt es nicht: auch dieses hat ein Sein. hat und so auch logisch weder wahr noch falsch, sondern dahingehend nicht bestimmbar ist, und nur sein kann. So gesehen ist die Wahrheit immer wahr, weil sie immer da ist. Sie ist so eine Tautologie – und damit logisch unsinnig. Doch grammatikalisch3↓Ludwig Wittgenstein verwendete das Wort „Grammatik“ auch in eigentümlicher Weise und verwies damit auf etwas wie „Gepflogenheiten“, ...weiter lesen nicht: Wo stünden wir ohne ‚die Wahrheit‘?

Die ‚Ansichten‘ und andere Artefakte des Ateliers sind Skizzen von ‚Landschaften‘ im Sinne des späten Ludwig Wittgenstein4↓»Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskizzen, die auf auf diesen langen und verwickelten Fahrten ...weiter lesen. Zumindest sollen sie das sein. Mit Immanuel Kant ist es ja der gute Wille, der zählt, und mit William James sind schon allein die Früchte des Tuns das Entscheidende. Und diese Skizzen sind zugleich auch immer Szenen: Menschen inszenieren sich, setzen sich in Szene und sind so mit ihrer Welt, ihrer Wirklichkeit, bezogen zur Welt, dem Ganzen. (Über das sich streng genommen objektiv verlässlich nur sagen lässt, dass es ist; das wie ist eine ganz andere, subjektive Geschichte.) Und selbst wenn auf der Skizze kein Mensch zu sehen ist, ist klar, dass ein Mensch, ein Individuum, ein Subjekt, eine Szene skizzenhaft so aufgezeichnet hat, wie sie sich ihm ergeben hatte.

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1. »Das frz. Substantiv bezeichnet seiner Bildung nach einen Ort, wo viele Späne sind, bedeutet daher ‘Haufen Späne’, dann ‘Arbeitsplatz der Zimmerleute und Maurer’, schließlich allgemein ‘Werkstatt’.« dwds.de [29.5.2020, 16:00].
2. Rand ist ein Spezialfall der Grenze: Der Rand grenzt an nichts. Doch „Nichts“ gibt es nicht: auch dieses hat ein Sein.
3. Ludwig Wittgenstein verwendete das Wort „Grammatik“ auch in eigentümlicher Weise und verwies damit auf etwas wie „Gepflogenheiten“, „Lebensform“ oder „Programm“ (Wikipedia, 14.6.2020-16:11); vielleicht kann auch gesagt werden: auf so etwas wie ‚geregelten Sinn‘.
4. »Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskizzen, die auf auf diesen langen und verwickelten Fahrten entstanden sind.« Ludwig Wittgenstein: »Philosophische Untersuchungen«, Vorwort.